Wie deutsch soll's denn sein?

Ihren Beitrag habe ich sehr aufmerksam gelesen. Ich gestatte mir ein paar Anmerkungen.

 Eingangs befassen Sie sich mit der schon des öfteren kolportierten Frage nach "Ihrem Land" - und geben sich ganz naiv. Das sind Sie aber doch nicht. Erfreulicherweise unterstellen Sie dem Fragenden keine bösen Motive - zeigen sich aber völlig erstaunt, daß "so etwas" möglich sei. Ist diese Haltung korrekt? Ich meine Nein. Warum?

 Es ist eine Tatsache, daß der Staat Israel alle Juden in der Diaspora in die Pflicht nimmt, in der jeweiligen Öffentlichkeit ausschließlich die Interessen des Staates Israel wahrzunehmen, ohne Ausnahme, komme, was da wolle. Äußerungen von prominenten jüdischen Deutschen (oder deutschen Juden - ich will mich nicht aufdrängen) haben nach meiner Beobachtung da immer die geforderte Haltung gezeigt. Nach gefestigter Beobachtung unserer Zeitgenossen geht also ein "Auslandsjude" sozusagen "pflichtgemäß" mit Israel durch Dick und Dünn: hat jemand schon ein einziges Mal ein kritisches Wort i.S. israelischer Terror im besetzten Westjordanland gehört? Oder einen wirklichen, einen fairen Frieden gefordert? Oder zum klugen, maßvollen Vorgehen aufgefordert? Das ist alles nicht der Fall.

 Im Gegenteil. Der, auch von mir, hochgeschätzte Ignaz Bubis hat sich in Israel begraben lassen, weil er hier, bei uns, in seiner Heimat und Heimatstadt, nicht begraben sein wollte. Ich war entsetzt, enttäuscht… und wütend. Es hätte eine Demonstration sein können, ich habe das bei anderer Gelegenheit deutlich gesagt, "Hier gehöre ich hin". Schade - eine wirkliche Chance, in Ihrem wie in meinem Sinne zu wirken, ist kleinmütig vertan worden. Und hat Ewiggestrigen Wasser auf die Mühlen geleitet.

 Wird durch solche Handlungsweisen nicht immer wieder gezeigt "Wir, die Juden, sind anders? Und in Deutschland noch nicht wieder angekommen?" Das sollte, das muß anders werden

 Dazu gehört aber auch, daß Sie uns, den heutigen Menschen in Deutschland, nicht chauvinistische, antisemitische, deutschtümelnde, braune Verfasser der Vergangenheit um die Ohren hauen, als müßten alle Deutschen, damals oder heute, sich unter dieses Pack subsumieren lassen - bis zum jüngsten Tag. Dieses braune Pack hat ja, es sei einmal gesagt, nicht nur die jüdischen Deutschen zum Feinde erhoben, sondern ganz viele andere auch - wenn auch nicht in der Zahl, zugegeben. Meine Eltern, meine Großeltern waren keine Nazis - erinnern Sie sich an meinen Hinweis auf meine Mutter aus Juden-Dorstfeld?

 Korrekt wäre auch, immer wieder darauf hinzuweisen, daß es in den letzten zwei Jahrhunderten vor allem das Bildungs- und Besitzbürgertum war, das Vorurteile gegen "die Juden" geschürt hat (nach den christlichen Kirchen - die allerdings fast überall) - nicht aber die Arbeiterschaft (ein erheblicher Teil der Deutschen gehörte zur Arbeiterschaft!): denken Sie nur an Jakob Moneta, der in einer Schrift ausgeführt hat, daß er (Weimarer Zeit) in der Arbeiterschaft nichts, aber auch gar nichts Antisemitisches erlebt hat.

 Und die Juden in den USA? So "korrekt" also soll es da zugegangen sein? Das ist mir doch ein bißchen neu. Denken wir doch ruhig mal an die Haltung der US-amerikanischen Juden, als es um Möglichkeiten der Einwanderung von jüdischen Menschen während der Nazizeit in die USA ging. Abgewendet hat man sich - genau wie die Juden in Palästina, die nur junge, arbeitsfähige, formbare Landsleute aufnehmen wollten.

 Sie sagen so schön anklagend:

       "Nach wie vor fällt es vielen Deutschen schwer, mit Unterschieden zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft wie selbstverständlich umzugehen und darin ein Potenzial kultureller Bereicherung zu erkennen (Israel, Palästina! Anm. Steffes). Dem jüdischen Bevölkerungsanteil gegenüber drückt sich dies zusätzlich auf eine besondere Weise aus. Obwohl Juden einerseits "als irgendwie anders" empfunden werden, bestehen andererseits oft Hemmungen, dies offen auszusprechen."

 Wenn Juden sich als ganz gewöhnliche Menschen zeigen, die Religion oder Abstammung nicht als etwas Besonderes sondern als etwas Privates begreifen, wer von den Umwelt-Menschen sollte sich dann in unangemessener Weise zeigen? Versuchen Sie doch schlicht und einfach mal, sich in die Rolle von Atheisten zu versetzen - nein, nicht "früher", so "gemein" will ich gar nicht sein. Nein, im Kindergarten, von Kreuzen umgeben - in einer gesellschaftlichen und politischen Umwelt, die, trotz leerer Dome, uns von morgens bis abends als "christlich" hochgehalten wird! Bis zu den bekannten Versuchen, auch noch die EU-Verfassung zu verseuchen.

 Oder, ein letztes, denken Sie doch nur an den Zensurterror (erfolgreich) von Brumlik und anderen, um Honderich zu diskreditieren… und das Studium seines Werkes zu unterbinden  - und Suhrkamp ein für allemal Mores zu lehren (nachdem vor fünf Jahren schon Martin Walser völlig zu Unrecht in die antisemitische Ecke geprügelt worden ist). Schrecklich. Hier könnten Sie jetzt, ganz ernsthaft gesprochen, erklären, mit der ganzen Autorität Ihrer Persönlichkeit, "Kinders, nun macht mal halblang - nicht jeder, der sich kritisch mit den Handlungen des Staates Israel gegen die Palästinenser auseinandersetzt, ist deshalb ein Antisemit."

 Das, Herr Dr. Korn, wäre ein ganz wichtiger Schritt, um "die Juden" in einem ganz anderen Licht zu sehen - nicht etwa, weil durch eine solche Haltung Position "gegen Israel" bezogen würde (das wäre nicht der Fall), sondern weil das Recht auf Informations- und Meinungsfreiheit eingefordert würde - auch wenn eben Israel im Mittelpunkt solcher Überlegungen steht.

 Die FR hatte offenkundig eine große Zahl von Leserbriefen zum Thema erhalten und wollte nach Auskunft einer Redakteurin eine Sonderseite bringen. Ich höre und sehe nichts.  Den braven Leuten ist offenkundig mal wieder der Schneid abhanden gekommen. Warum wohl?

 Man liegt vermutlich nicht so fürchterlich falsch mit der Vermutung, daß ganz bestimmte Rücksichtnahmen ganz feige dahinter schlummern. Wer so handelt, und Gutmenschen in Deutschland neigen ja per sé dazu, tut dem Gedanken Deutsche - Juden, Israel - Palästina, dem Gedanken, Verständnis zu wecken dafür, daß Probleme oder Meinungsunterschiede nicht durch bängliches Stillschweigen gelöst werden können, damit ganz gewiß keinen Gefallen.

 Und noch eines, und da schließt sich der Kreis: es macht überhaupt keinen Sinn, ich erwähnte es, "den Deutschen" schlechthin (Gruppe! Zeit!) die zu allen Zeiten nur in den reaktionären Kreisen goutierten Zeitgenossen vorzuhalten. Das bedeutet für mich schlicht und einfach, falsches Zeugnis abzulegen. Und das ohne jegliche Not. Ich halte Ihnen doch auch nicht bei jeder Gelegenheit vor, daß die Juden in vorhistorischer Zeit von ihrem  Unaussprechlichen den Befehl erhielten, "Hunderdtausende" ihrer Feinde umzubringen - einfach so, weil sie ihre Feinde waren. Und: weil es befohlen war. Selbstverständlich halte ich Ihnen persönlich auch nicht die schrecklichen Untaten des Staates Israel vor - wie sollte ich wohl auf einen so verrückten Gedanken kommen?

20.8.03

Dr. Salomon Korn hat in DIE ZEIT vom 5.6.03 unter dem schönen Titel “Wie deutsch soll's denn sein?” einen Essay gebracht, den ich als scheinheilig, als ignorant empfunden habe. Verwundert hat mich schon allein der Untertitel.
Ich schrieb Dr. Korn meine Anmerkungen.