“Die viel beschworene deutsch-jüdische Symbiose ist bloß ein Mythos" “Ich
bin Jahrgang 1937, Atheist von Haus aus, dank meiner Mutter, die mit 14 - im Jahre 1925 - aus eigenem Antrieb aus der Kirche ausgetreten ist. Meine Eltern und Großeltern waren Arbeiter, wir haben in Dortmund gelebt, in einem Vorort, der allgemein einmal "Juden- Dorstfeld" hieß, wie meine Mutter mir erzählte, weil dort so viele Juden, also jüdische Deutsche, neben atheistischen oder christlichen Deutschen, gelebt haben. Ein Arbeitervorort, in dem Religion auch schon zu Anfang des 20.
Jahrhunderts keine große Rolle mehr spielte. Und meine Mutter hat mir des weiteren auch erzählt, daß in der Weimarer Zeit "kein Mensch" (eben in Arbeiterkreisen!) irgend etwas gegen "die Juden" in Dorstfeld hatte: das waren Menschen wie du und ich. Ich bin davon überzeugt, daß meine Mutter mir die Erinnerung nüchtern und zutreffend beschrieben hat. Sie haben - das liest man kaum jemals in deutschen Landen - völlig zu recht deutlich gemacht, daß der Antisemitismus in
allererster Linie und von Anfang an ein christlich-religiöses Problem gewesen ist, das ja bekanntlich in anderen europäischen Ländern noch sehr viel ausgeprägter vorhanden war (allerdings kaum in islamischen). Daß das deutsche Bürgertum (wir wollen aber auch Frankreich zu gleicher Zeit nicht vergessen! Affäre Dreyfuss!) vor gut hundert Jahren wieder zunehmend antisemitische Züge entwickelte, war für mich, wenn ich es richtig analysiere, auch kein allgemein "deutsches" Problem,
sondern ein Problem des deutschen Bürgertums (und weiterer hochstehender gesellschaftlicher Schichten). Gewiß kam da nationalistisches Denken auf, Sie haben das sauber herausgearbeitet (wie Sie auch angedeutet haben, welchen schwierigen Weg das deutsche Volk zu seiner Bewußtwerdung gegangen ist). Aber war es letztlich nicht doch das alte Neid- und Konkurrenzdenken, das auf diese scheinbar "saubere" Weise (= in bürgerlichen Kreisen wohlgelitten) sich entwickeln konnte? Beim
christlichen Antisemitismus ging es von Anfang an zunächst um den religiösen Haß, dann aber um alle nur denkbaren Bereicherungsmöglichkeiten, um die Befriedigung niederer Instinkte - immer wieder schön religiös bemäntelt. Konkurrenzneid war schon immer ein starker Antrieb im Leben von Besitzenden. Es blieb den Nazis unter Hitler vorbehalten, ganz massiv die rassische Karte auszuspielen, die in der Vernichtung eines ganzen Volkes oder Volksteiles gipfelte. Die Schande, die, ausgelöst
durch die Nazis und ihr ganzes Umfeld, über Deutschland gebracht worden ist, wird unauslöschlich bleiben: Deutschland, die Deutschen, werden mit diesem furchtbaren Makel immer leben müssen. In meinen Kreisen, wenn ich das einmal so formulieren darf (Arbeiterschaft, Sozialisten, Gewerkschaftler, Atheisten und alle unsere Vordenker) gab es ja bekanntlich genügend jüdische Deutsche, die ohne Wenn und Aber einfach dazu gehört haben. Macht das nicht noch ein wenig deutlicher, wo die
Antisemiten saßen - und wo nicht? Wer schuld war - und wer weniger? Kollektiv sind wir alle in Haftung zu nehmen: ich stelle mich als Mitglied des deutschen Volkes (ich weiß nicht, wie ich das gescheit formulieren soll) meiner Verantwortung. Und ich ganz persönlich empfinde das Fehlen der jüdischen Deutschen als einen ganz großen, schmerzlichen Mangel; so habe ich das auch kürzlich einmal meinem Sohn beschrieben, was mich in diesem Zusammenhang bewegt. Vermutlich habe Sie recht, wenn
Sie die deutsch-jüdische Symbiose als Mythos einstufen - sie ist mir auch noch nicht begegnet. Und auf die Feier- und Gedenktagsredner will ich auch wirklich nichts geben: die kommen wiederum - oder immer noch - aus den Kreisen, die schon vor hundert Jahren tonangebend waren. Diese Gedenk-Leute, die üblicherweise als Repräsentanten in den ersten Reihen der Gedenkveranstaltungen sitzen, absolvieren nur eine Übung, sind innerlich nicht bewegt (s.a. Zwangsarbeiter). Gegen diese Leute, so
verstehe ich es, zielte die Moralkeule - nicht gegen die wirklich nachdenkenden Leute. (Vielleicht irre ich mich: Martin Walser hat auf meine Nachfrage nicht geantwortet). "Symbiose" - ist das aber denn der richtige Denkansatz - fernab von den idealistischen Gedanken? Wenn wir uns vor Augen führen, daß nirgendwo Fremdes nebeneinander funktioniert, wenn mächtige Kräfte daran drehen? Menschen der gleichen (unteren) sozialen Schicht sind schon immer viel eher in der Lage gewesen,
"andere" neben sich leben zu lassen. "Symbiose": hätten die Juden Palästinas nach den antirömischen Aufständen in ihren neuen Gastländern den Weg der Assimilierung gewählt, wäre alles anders verlaufen. Ebenso, hätten sie die Kraft gefunden, "die anderen" zum Judentum zu bekehren (von der Volkszugehörigkeit einmal abgesehen). Aber die Juden blieben eben immer die Juden - die wiederum klar unter sich blieben. Und ihr eigenes (auch: Selbst-)Bewußtsein hatten.
Es ebenso nicht verleugneten. "Symbiose": hätte das nicht etwas ganz anderes erfordert? Religion als ganz persönliche Privatsache, die keinen anderen etwas angeht? Ohne Sendungs- oder Bekehrungsbewußtsein (das zielt jetzt auf die anderen Religionen!), bereit zur Toleranz? Auch bereit dazu, "fünfe" gerade sein zu lassen? Sich nach außen nicht deutlich anders zu positionieren - selbstverständlich im Rahmen der Toleranz? Aber wer unter den religiösen Menschen
konnte, wollte das schon jemals? Ist das heute anders geworden - irgendwo? Nein, mir scheint, nach 200 Jahren Aufklärung gehen wir wieder Wege zurück. Eine schreckliche Vorstellung. Ich als Atheist und freier Denker mußte mich in jeder Schule jeglichem Christianisierungsversuch widersetzen - und mußte in der Abschlußfeier der Realschule erleben, daß der - sehr katholische - Rektor vor Hunderten von Eltern und Schülern erklärte: "Wer nicht an Gott glaubt, kann ja nur zum
Mörder werden. Er ist ja niemandem verantwortlich." Ich bin also aus vollster Überzeugung - und ein Stück auch aus eigenem Erleben - ein ganz fester Freund der Toleranz. Und sage, daß Religion Privatsache zu sein hat. Jetzt und immerdar. Vielleicht ist das ein Weg, das Nebeneinander von Menschen möglich zu machen. Wenn dann eines Tages auch noch das Miteinander kommt, wäre das ja das Paradies auf Erden. Deshalb stimme ich Ihnen zu, daß es in deutschen (wie anderen!) Landen
erst dann besser wird, wenn die jüdischen Deutschen wie die katholischen oder evangelischen oder atheistischen Deutschen, aber auch islamischen oder unentschiedenen Deutschen einfach zur Kenntnis nehmen - und danach leben -, daß jeder Mensch nach eigener Fasson selig werden soll (und das Recht dazu hat). Und daß jeder dafür sorgen sollte, daß der andere nach seiner Fasson auch selig werden kann. Mein Fazit, da ich an keinen Gott glaube, an keine Götter, an kein höheres Wesen oder
Unwesen: wir müssen als Menschen, als Humanisten, unsere Gesellschaft, unsere Welt gestalten. Und jedem seinen ganz persönlichen Freiraum geben. Das heißt aber dann auch ganz klar: weltliche, religionsfreie Schule, aber mit religionskundlichem Unterricht, Erziehung zu Humanismus und unbedingter Toleranz. Mensch, wie stolz das klingt... Ich wünsche mir, daß ich in meinem Leben vielleicht noch ein Stückchen einer solchen neuen Gesellschaft erlebe. Sehr hoffnungsfroh bin ich da allerdings nicht.
Für unser Land nicht, für andere auch nicht. Doch eine feste Erkenntnis habe ich: meine hohen Ziele, Wünsche, Haltungen, Maßstäbe sind nicht zuletzt von unseren jüdischen Deutschen mitformuliert und gelebt worden. Und so gesehen, war das doch nicht für die Katz'. Ich denke, die nächste Generation wird sich diesem Bild wieder verstärkt nähern. Wenn die heutigen Schreiberlinge und "Denker" nicht immer wieder jeden Deutschen beschimpfen als dumm und dumpf... und nach so
langer Zeit immer wieder eine Nazivolksgemeinschaft behaupten, die selbst die Gestapo nicht ausmachen konnte. Doch noch ein Wort zur nicht erfolgten Symbiose: wer sollte diese Symbiose leben, praktizieren? Wer mit wem? "Die Christen", das Bürgertum, die Besitzenden wollten nicht - "die Juden", mit Ausnahme von u.a. Juden-Dorstfeld, lebten "für sich", in eigenen Zirkeln, Gemeinden, in der eigenen Gesellschaft, in eigenen Gotteshäusern; doch die
Arbeiterschaft hatte weniger persönlichen Kontakt - und war eben, da nicht-religiös und damit nicht verhetzt, da arm und somit nicht neidisch, garnicht daran interessiert, dem einzelnen Mitmenschen Vorschriften zu machen. Der "Verlust der Ketten" (nehmen Sie es als Synonym) war unendlich viel wichtiger. Symbiose: ein falscher Ansatz, ein ungeeigneter Maßstab. Wie schön wäre es (im realen Leben), wenn Menschen doch "einfach so" nebeneinander her leben würden.
Und sich immer wieder "gute Zeit" und "Auf Wiedersehen" sagen! Als Nachbarn, als Menschen, vielleicht sogar als Humanisten. Und nach dem Krieg? Warum haben die Deutschen weggeguckt (und weg-gedacht), als die furchtbaren Verbrechen bekannt wurden? (Nicht zu vergessen: in der Nazizeit galt Todestrafe oder KZ für jeden, der etwas über die Verbrechen wußte und weiter erzählte.) Die einen waren Täter, Mittäter, Urheber, Gewinner, Wissende. Und die anderen, die, die die
Nazis am allerwenigsten gewählt hatten - aber zunehmend der Propaganda (und den "Erfolgen" der Nazis) erlagen? Die Arbeitenden hatten ein schlechtes Gewissen - und wurden dann ständig mit den Großen, den Tätern, den Kommandierenden, in einen Topf geworfen. Mitgegangen, mitgehangen? Ja, so wurde es gemacht. Alle Deutsche in einen Topf. So wird es den Leuten bis auf den heutigen Tag von Intellektuellen, Vertretern der schreibenden Zunft, von Gutmenschen und den Goldhagens der Welt
immer wieder erzählt. Ist es da ein Wunder, wenn die Diskussion über die Verbrechen der Nazis und deren Voraussetzungen nie so richtig in Gang gekommen ist? Wem hat dieser Weg der "Vergangenheitsbewältigung" genutzt? M.E. nur den Nazis und ihren Nachfahren, den Kriegs- und Arisierungsgewinnlern und all den aktiven Bastarden, die den deutschen Namen auf ewig beschmutzt haben. (...) Daß wir als Deutsche ein schwieriges Verhältnis zu uns selbst haben, habe ich kürzlich auch in
einem Gespräch mit Brigitte Sauzay nachlesen können. Wir sollten eben wirklich öfter mal Andersdenkenden zuhören.” 17.6.00 |