Ted Honderich: Nach dem Terror

"Eine Zensur findet nicht statt", sagt das Grundgesetz. In der Praxis gilt der Zusatz "… es sei denn, ein Mächtiger widerspricht."

Sie haben also als angesehener Verlag, mit tief gestaffeltem Fachpersonal, den angebotenen Text nicht richtig gelesen (behaupten Sie demütig zu Ihrer Entschuldigung),  der große Jürgen Habermas hat bei seiner Empfehlung auch nicht so richtig hingesehen, war deprimiert von einem Amerika-Aufenthalt… und entschuldigt sich gleichfalls. Entschuldigt sich ganz kleinlaut wie auch der Suhrkamp-Verlag.

Sind denn alle von Sinnen? Kann überhaupt keine kritisch-kontroverse Diskussion i.S. israelischer Terror gegen die Palästinenser mehr geführt werden? Eroberungsmacht seit 1947, mit der Eroberung begonnen 50 Jahre früher, die UNO-Grenzen von 1947 nicht achtend, einen Krieg nach dem anderen führend: nahezu allesamt Angriffskriege - und seit 1967 brutale Besatzungsmacht im eroberten Westjordanland. Israel betreibt seitdem, gegen alles Völkerrecht und gegen alle UNO-Resolutionen Besetzung, Enteignung, bei Bedarf auch Zerstörung von Infrastruktur, Diebstahl von Wasser, Vertreibung und Versklavung von Menschen ohne Ende - kein Wort davon bei den großmächtigen Kritikern Brumlik wie auch Sznaider.

Israelisches Unrecht tief gestaffelt, auch bei der letzten Intifada dreimal so viel palästinensische Opfer wie jüdische: der Staat Israel führt einen Vernichtungs- wie Zerstörungskrieg mit allem, was einer hoch gerüsteten, ebenso hemmungslosen wie brutalen Militärmacht zur Verfügung steht: die Bandenbekämpfung der Nazis im besetzten Rußland läßt gräßlich grüßen.

Aber selbstherrliche Vertreter der israelischen Großkönige neuerer Zivilisation wie die Genannten stört das nicht: die zahllosen palästinensischen Opfer kommen einfach nicht darin vor. Der absolute Friedensunwillen der Israelis zwingt die unterdrückten Opfer, die keine Armee haben, keinen einzigen Panzer, kein einziges Flugzeug, keinen einzigen Hubschrauber, keine Artillerie, keinen mächtigen Verbündeten…  und auch sonst nichts, ihr eigenes Leben als höchstes Opfer zu bringen. Klar, im Sinne von Israel wie der genannten moralischen Großkönige, wäre es selbstverständlich zuträglich, würden diese Palästinenser sich in den zahllosen von Israel ohnehin zerbombten und sonstwie zerstörten Häusern umbringen - aber doch nicht in Groß-Israel! Da, wo die Täter (die Wähler sind doch Herr des Verfahrens in dieser schönen Republik!) so gern friedlich wohnen möchten - in all den schönen eroberten Gebieten, "urbar" gemacht auch für Leute aus dem tiefsten Rußland, die ihr Judentum ganz frisch entdeckt haben.

Unrechtsbewußtsein bei den Juden Israels? Bei den Juden der Diaspora, die pflichtgemäß wie gequält gucken, wenn Interessen des Staates Israel "verletzt" werden? Bei den US-Amis? Bei den hilflosen EU-Europäern? Das interessiert doch niemanden. Die Palästinenser sind ganz auf sich allein gestellt, mutterseelenallein.

Aber machtvolle Vertreter der jüdischen Zunft (die Genannten!) brüllen ganz beleidigt auf, hauen mächtig auf alle verfügbaren Pauken, lassen den "antisemitischen Antizionismus" (bei Gott - geht das nicht ein paar Nummern kleiner?) geschlossen aufmarschieren, entdecken den philosophischen Judenhaß - für welche Welt sollen all die Schlachtgesänge eigentlich gelten?

Brumlik bemüht zum x-ten Male Martin Walsers "Tod eines Kritikers" als "antisemitischen Roman"… und die Absicht ist klar: wer diesen Großkritikern nicht paßt, muß vernichtet werden. Martin Walser ist auch heute, trotz aller Verunglimpfungen, kein Antisemit, ist es nie gewesen: aber einem Großkritiker ist kein Kübel Unrat zu abgestanden.

Jetzt gibt der Suhrkamp-Verlag also klein bei, ganz klein? Keine neue Auflage (haben Sie noch ein Exemplar für mich?), die Rechte werden zurück gegeben. Ein ganz kläglicher Abgesang, wie bei Walser auch. Kein Kampf, kein klein-bißchen, nichts - zertrümmert und angepinkelt steht der Verlag da. Zum Gespött der Großkritiker.

Das alles, meine Herren der Verlagsleitung nehmen Sie billigend in Kauf? Sie stehen nicht vor Ihren Autoren, nicht dahinter, nein, Sie räumen sogar ein "ja, wenn wir den Text kritisch genug gelesen hätten"? Pfui Deibel. "Wer nicht kämpft, ist schon verloren": Sie wissen schon, alte Gewerkschaftseinsicht in die real existierenden Verhältnisse.

Ärgerlich ist allerdings, wenn Brumlik, möglicherweise zu recht, eine Zahl als falsch kritisiert, daß eben nicht 1989 - 1991 "250.000 - 400.000 sowjetische Juden auf arabischem Land angesiedelt" wurden. Ein Lektorat sollte auch Zahlen, wenn sie wesentlicher Natur sind, prüfen. So viel Schutz für den Autor muß sein. Typisch allerdings auch hierbei Brumlik, der in der FR den Terminus "arabisches Land" mit einem Ausrufezeichen versieht, um auch so zu bestreiten, daß es überhaupt besetztes Land gibt. Brumlik will allerdings mit seiner möglicherweise begründeten Detail-Kritik vermutlich auch die massenhafte Einwanderung in erobertes Land relativieren.

Wenn wir dem Staat Israel und all seinen Menschen auch weiterhin wohlgesonnen sein wollen (und das nehme ich für mich in Anspruch), dann müssen wir alle bei so schlimmen Maßnahmen wie denen, die die Juden Israels gegen die Palästinenser Palästinas (wie auch Israels!)  praktizieren, energisch kritisieren.

Für einen bedeutenden Verlag wie den Ihren heißt das aber auch, schlicht und ergreifend, "Mannesmut vor Königsthronen!".  Altdeutsche Volksweisheit, ich weiß, ich weiß… Ist aber gültiger denn jemals zuvor.

7.8.03

Eine neue Sau wird  gegen den Suhrkamp-Verlag durchs politische Dorf getrieben. Vor vier Jahren war es Walser, der mundtot gemacht werden sollte. Jetzt ist Ted Honderich der Knüppel, um Kritiker der israelischen Verbrechen gegen die Palästinenser zu verunglimpfen.

Suhrkamp knickt ein, weil sein Autor Ted Honderich sich in seinem Buch “Nach dem Terror. Ein Traktat”  kritisch mit dem heutigen Israel-Palästina-Konflikt auseinander setzt.

Das darf nicht sein: das ist angeblich Hass gegen die Juden, gegen die Zionisten. Und überhaupt... wettert lautstark Micha Brumlik in der Öffentlichkeit gegen Suhrkamp, sekundiert von Natan Sznaider in der FR vom 7.8.03.

Ich schrieb dem Verlag.