Goldhagen - und kein Ende

Nun hat auch Ullmann (Freitag vom 16.8.96, Senfft und Rothschild am 13.9.96 wie auch die Frankfurter Rundschau, SPIEGEL und STERN zuvor in vielen Betrachtungen) einen Artikel geschrieben, genauso gelehrt (sprich: schuldbewußt-demütig) wie schon ein paar andere von anderen Verfassern zum gleichen Thema. Und auch Ullmann weiß nichts anderes (im Wesentlichen), als Goldhagen nachzubeten: "ja, diese Deutschen, unfaßlich - wie konnten sie nur"! Und dabei zu implizieren, daß diese Deutschen in den schlimmen Tausend Jahren alle Humanitas vergessen haben - die es doch womöglich in diesem schrecklichen Volk von offenkundig potentiellen Galgenvögeln zeitweilig gegeben haben muß (Geschichte!). Kaum ein bißchen Nazizeit - und schon bricht in diesen Mordbrennern die wahre Gestalt durch. (Wußte man es nicht immer schon? Und haben es nicht weise Köpfe schon im 1. Weltkrieg verkündet, was "diese" Deutschen für Verbrecher sind? Klar, später hat sich dann alles als fürchterliche Hetzpropaganda herausgestellt. Und wir waren nicht schlechter als andere.)

Wie war es aber wirklich, was ist passiert? Gewiß auch nur "eine" Wahrheit - aber sie wird gewiß neben den schuldbewußten "Wahrheiten" bestehen können.

Zunächst hat die ganze Geschichte doch mit der Geschichte zu tun: den Juden und den Christen. Die Juden wurden in ihrem eigenen Land von den Römern besetzt, unterdrückt, versklavt, ausgebeutet. Das ist im Laufe der Geschichte Hunderten und Tausenden Völkern genauso ergangen. Was aber war anders? Die Juden wollten sich nicht anpassen, wollten sich nicht umbringen, sich nicht versklaven lassen; sie waren auch nicht in der Lage, die Eindringlinge zu usurpieren: sie gingen in ein anderes Land; Pardon: in viele andere Länder. Das gab's zuvor auch schon - nur: die Juden wollten Juden bleiben in den vielen anderen Ländern. Und zwar nicht nur von der Religion sondern auch von der Rasse her. Das war etwas Neues. Das hätte noch gutgehen können.

Aber dann traten - zweitens - die Christen in die Geschichte ein. Mit aller Intoleranz, die sie Paulus gepredigt hat. Die Christen, kaum waren sie die Herren in Rom geworden, verfolgten den Erzfeind "die Juden", die sie auch zuvor schon mit Haß und Gift und Galle verfolgt hatten. Klar, wenn einem nach christlicher Ideologie "der Heiland" so mir nichts dir nichts weggemordet wird...

Aber damit war das Schisma da: die Juden lebten in aller nicht-christlichen Welt überwiegend in Frieden, vor allem beim später aufkommenden Islam. Man übte dort Toleranz und achtete die "Söhne des Buches" als Mitbrüder. Ganz anders aber im christlichen Abendland. Ein Pogrom jagte das andere, Hexen- und Ketzer-Verbrennungen trafen jeden. Ausgebeutet und niedergemacht, getötet, verstümmelt wurde jeder, bei dem etwas zu holen war. Und je christlich-katholischer ein Land war, um so schlimmer ging es zu. Das war Fakt - und das Ganze war christliche Staatsreligio.

Bis in die "Neuzeit", in der die Macht der Kirche(n) zunehmend gebrochen wurde, in der aber das Gift der Jahrhunderte (der sog. Haß auf die Juden) für manchen Menschen in Europa Allgemeingut geworden war. Mit Unterschieden: die "da oben", die mächtigen Herren, hatten die Machtmittel, sich immer wieder etwas zu holen (oder Schulden zu vernichten), die "da unten" räumten dann auch immer wieder mit ab, wenn die Gelegenheit der Herren gar günstig war. Aber das Kommando dazu lag bei den Mächtigen. Wo denn wohl sonst??

Was aber war in Deutschland bzw. seinen Vorläufern? Nichts Besonderes, ich denke, sogar weniger als bei den Spaniern, Franzosen, Russen, Polen. Und bei den "einfachen" Leuten gab es in der Neuzeit (Ende des 19. Jahrhunderts) ohnehin keinen Grund, gegen arme Juden oder kleine Kaufleute etwas zu haben (Erfahrung meiner Eltern und Großeltern in einem Vorort von Dortmund, der damals schlicht und einfach "Juden-Dorstfeld" genannt wurde. Niemand hatte etwas gegen diese Menschen - das waren in den Augen der anderen (meiner Leute und ihrer Freunde, Arbeiter, Gewerkschaftler, Sozialdemokraten) "Leute wie du und ich". Sonst nichts. Und daß mancher Jude hochangesehener Sozi war, ist doch auch hinreichend bekannt. Im Bürgertum sah man das durchaus nicht so "locker": dort gab es Vorbehalte - gegen den Konkurrenten, gegen den Nicht-Angepaßten (s.u.a. Mendelssohn-Bartholdy); wer "zu Kreuze kroch" und "Christ" wurde, wurde hingenommen.

Was aber kam dann, was war der Umbruch, was brachte das entscheidend Neue in die (deutsche) Welt?

Das Ende des 1. Weltkrieges brachte eine Zäsur. Dieser Krieg war entgegen so mancher liebgewordener deutschen Betrachtungsweise  durchaus nicht einfach nur ein deutscher imperialistischer Krieg: er war zum einen ein französischer Revanchekrieg für 1870, den die Franzosen zwar begonnen, dummerweise allerdings verloren hatten - das verzieh "man" (die herrschende Kaste) "den Deutschen" nicht. Und es war ein allgemein imperialistischer Krieg, schrecklich begünstigt durch einen (heute!) unvorstellbaren imperialistisch-nationalistischen Dünkel in deutschen Landen - der allerdings im europäischen Rahmen auch nichts Besonderes war. (Ich glaube, wir waren noch nie etwas "Besonderes"! Zumeist ziemlich ähnlich dem, was es bei den "anderen" auch gab. Wobei wir gewiß nur kleine kolonialistische Greuel vorzuweisen haben.) Dieser verlorene Krieg bescherte uns (darf man es so sagen??) mit dem Versailler Diktat und seinen verheerenden Bedingungen eine Demütigung, die - neben anderen Bedingungen - eine alles vergiftende Grundlage für den neuen Staat von Weimar, die Republik der Underdogs war. Weimar: das heißt auch, daß die Macher  des verlorenen  Krieges, Monarchie, Militär, Großindustrie, Justiz und Verwaltung, Bürgertum, die ganzen sog. Eliten, wegtauchten und die Underdogs unterschreiben und den Kopf hinhalten ließen.

Sofort setzte dann ein ganz unbarmherziger Kampf der Macher, der Mächtigen ein - gegen die da unten. Und sie gewannen nahezu unverzüglich die Macht in Militär, Wirtschaft und Justizapparat wie Verwaltung zurück. Die Freikorps (würde man sie heute Freiheitskämpfer nennen?) füsilierten, liquidierten und mordeten - zunächst "auf Befehl" der Reichsregierung, aber dann nahm man das in die eigenen Hände, auch gegen den Befehl der Reichsregierung - jeden, der ihnen mißliebig, verhaßt, ein Feind, eben "Ungeziefer" war. Die Justiz voll dabei - jeder linke Verstoßer gegen die Gesetze des Staates wurde schwer verfolgt, jeder rechte Mörder wurde freigesprochen, selbst durch den speziell geschaffenen Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik.

Und in dieses Visier der Verhaßten kamen natürlich auch die Juden, die Linke waren, dazu alle Aufklärerischen, alle fortschrittlichen Kräfte der neuen Republik. Daß Arbeiter, Kommunisten, Sozis aller Schattierungen, Gewerkschaftler, alle freien Denker und wahren, engagierten Demokraten einschließlich Literaten gnadenlos und mit äußerster Brutalität verfolgt wurden (Fememorde), war in diesem unserem Land (von 1996!) einmal bekannt, scheint aber völlig untergegangen zu sein. Ein verunsichertes Bürgertum, Kriegsgewinnler und Kriegsverlierer steigerten sich nun auch wieder in ihren alten Haß gegen "die Juden", selbst wenn sie keine Linken waren. Die Linie der offiziellen Staatschristen (s. zuvor Pastor Stoecker in Berlin) ist eben schon immer eine Spur des Schreckens, des Unterdrückens gewesen. Und für die Völkischen wurde das alles zum Lebenselixier.

Die Weimarer Republik aber wurde, weil die Republikfeinde ohne Zahl und endlos mächtig waren, der Torso eines demokratischen Staates: außer den Sozialdemokraten, Gewerkschaftlern und den Literaten war doch kaum jemand für die Republik. Die Republik jedoch taumelte Anfangs der Dreißiger ihrem Ende entgegen. Die Demokraten waren ohne Macht, ohne Recht, ohne Arbeit und ohne Brot. Die SA war schon dabei, die Straße zu beherrschen.

Was passierte dann?

Der Österreicher Hitler, sehr wohl passend zum Klerikalismus Österreichs, hatte diesen seinen - typisch österreichischen - Haß auf alles Jüdische zu seinem Lebenscredo gemacht - er konnte sich offenkundig davon zu keinem Zeitpunkt mehr frei machen. Und fand dafür viele willige Mitbeter, gerade auch in Deutschland, wo er widerrechtlich zum deutschen Staatsbürger gemacht wurde (nicht durch die Sozis usw.). Die Machtübergabe durch den alten Monarchisten Hindenburg an den "böhmischen Gefreiten" war lange schon durch Wirtschaft, Banken, Großindustrie und manche Teile des Großbürgertums gefordert oder gewünscht, gewiß aber gefördert  worden. Die aufkommenden Nazis - schon lange vor der sog. Machtergreifung - hatten viele einflußreiche Förderer in Staat und Gesellschaft, in Justiz und Verwaltung, in Wirtschaft und Bürgertum. Dann aber war er da, der 30. Januar 1933.

Was aber bedeutete das?

Hatten viele in Deutschland gemeint, Hitler und seine Kumpane würden in wenigen Woche abgewirtschaftet haben (glaubten Sozialdemokraten und Gewerkschaftler) oder man können ihn als Marionette dirigieren (Großbürgertum usw.), zeigten die durch die Bank jungen Nazis (sie waren in den dreißiger oder anfangs der vierziger) einen ungeheuren Durchsetzungswillen; sie wurden nachhaltig unterstützt durch die alten Eliten, der Staatsapparat einschließlich Justiz ging mit wehenden Fahnen ins Lager der Nazis über. SA und ein williger Staatsapparat überzogen die Bevölkerung, vor allem die Verteidiger der alten Republik (einschließlich Kommunisten) und erklärten Gegner, ja Feinde der Nazis mit einem sofort blutigen, tödlich Terror, mit Einschüchterungen und Schikanen, mit Verlust des Arbeitsplatzes oder mit der Aussicht, nie einen bekommen zu können. Hausdurchsuchungen, Bücherverbrennungen, Ermordung von Republikanern auf offener Straße, im geheimen SA-Keller oder im neuen KZ und offener Terror gegen Juden (Geschäftsinhaber, Intellektuelle) zeigten den "einfachen Leuten", dem Mann auf der Straße, der ja noch nie Macht hatte, wo es lang ging. Er hatte keine Chance mehr, irgend etwas zu ändern oder aufzuhalten, nachdem selbst als machtvoll erschienene Einrichtungen wie der ADGB mehr oder weniger schmachvoll untergegangen waren. Die Kirchen jedoch, vor allem die katholische, immer ganz vorneweg - mit Deutschem Gruß ins braune Reich.

Was war das besondere im Umgang mit den Juden? Oder mit der antijüdischen Propaganda der Nazis? Eigentlich garnichts. Antijüdische Propaganda hat es im christlichen Europa immer gegeben, auch Pogrome waren absolut nichts Besonderes, das gehörte zum Leben im christlichen Europa wie die Unterdrückung . Und: viele Juden waren ja auch gute Deutsch-Nationale, Freiwillige aus dem Weltkrieg mit EK 1, die sich beim besten (?) Willen  nicht vorstellen konnten, daß ihnen in diesem ihrem Land, dem sie seit Generationen mindestens genauso treu gedient hatten, wie jeder andere Deutsche auch, wirklich Ernsthaftes zustoßen würde - in diesem Land der Dichter und Denker. Daß Linke und Kommunisten was auf die Nase bekamen, störte manchen nicht sonderlich, denn es gab kaum eine typisch jüdische sondern vorwiegend die übliche politische Betrachtungsweise - wo gehobelt wird, da fallen Späne. Und viele glaubten ja auch, nach der kranken Weimarer Republik müsse etwas Neues aufgebaut werden, stark und einig. (Und so sah es schließlich auch das Ausland.)

Hitler und die Nazi-Partei hatten zwar mit "Mein Kampf" eine Propagandaschrift, die nichts ausließ zum Thema Juden - aber wer glaubte das denn schon? Das galt doch als Hirngespinst oder jung-revolutionärer Unsinn: "nichts wird so heiß gegessen..." Die Juden glaubten es überwiegend genauso wenig - nur wenige erkannten beizeiten, was sich da Schreckliches anbahnte in Deutschland. Viele Deutsche verließen, wenn sie konnten, aus politischen Gründen das Land; aus rassischen Gründe waren es weit weniger, als sich dann wirklich als an Leib und Leben bedroht später herausstellte.

Begannen aber die Nazis dann zielstrebig einen offenen Vernichtungskampf gegen die Juden, zunächst in Deutschland? Wurden KZ für Juden eröffnet? 1933?? Sicher nicht. Der Vernichtungskrieg gegen die Juden wurde auf kleiner Flamme, soweit es die Öffentlichkeit angeht, begonnen: viele kleine Schritte, gekoppelt mit ständiger Haßpropaganda wurden umgesetzt. Auf der anderen Seite wurde alles getan, die starke "Volksgemeinschaft" mit einem überstarken Wir-Gefühl aufzubauen und zum Leben zu erwecken. Vermutlich nicht so ganz schwer nach den schrecklichen Wirrnissen der Weimarer Zeit. Und es gab zu essen, zu arbeiten und es gab keinen Terror mehr auf den Straßen, denn der fand jetzt bei der Gestapo statt (die sinnigerweise nach neuesten deutschen "Erkenntnissen" ja auch gar nicht soo schlimm und gefährlich war), bei der SA, der Justiz, in den Gefängnissen und Zuchthäusern, in den KZ's, bei der SS, bei SD und RSHA und beim Volksgerichtshof des Roland Freisler, und unter den Fallbeilen.

Erklärten die Nazis aber dann glaubhaft, "wir werden alle Juden vorsätzlich töten"? Nein, sie erklärten es nicht. Alles lief als geheime Kommandosache - einschließlich der Ergebnisse der Wannseekonferenz. Es waren tiefgestaffelte, sehr subtile Vorbereitungen erforderlich, um den Deutschen - Juden wie Nichtjuden - klarzumachen, daß eine schleichende Separierung und Stigmatisierung der Juden beabsichtigt war und Schritt für Schritt durchgeführt wurde. Es war der feste Wille der Nazi-Führung, das deutsche Volk eben nicht zu informieren. Und daß hohe, ja höchste Strafen angedroht waren - und auch verhängt wurden bei "Verstößen" - ist "eigentlich" hinreichend bekannt. Selbstverständlich ahnten die "deutschen Volksgenossen", daß mit den Juden Böses im Gange war: man sah die jüdischen Mitbürger  zunehmend nicht mehr, sie waren zuvor erniedrigend behandelt worden und "man" (Arbeiterschaft usw.) traute den Nazis alles Schlechte zu. Das aber war die Betrachtungsweise der Menschen "unten", der Menschen ohne Macht.

Daß höchste Stellen in Partei, Staat und Wehrmacht (einschließlich Albert Speer) informiert waren, halte ich für selbstverständlich: da gab es selbstverständlich den Informationsfluß, da gab es die Teilhabe an den Nachrichtensträngen und Kommandostrukturen, da gab es die Tatbeteiligungen. Keine Frage: hätte die hohe Generalität sich verweigert, hätte die Naziführung sicher ein sehr großes Problem in der Umsetzung ihrer verbrecherischen Pläne gehabt. Aber dieser Personenkreis, wiederum aus der Generalität und dem Bürgertum und Großbürgertum stammend, war eben den Vorstellungen der Nazis nicht so fern. Auch wenn "man" sicher die Verbrechen überwiegend verabscheut hat, weil sich "sowas" mit dem guten deutschen Namen nicht vertrug - aber für die Juden sich zu engagieren, daß ging diesen Leuten eben doch zu weit. Man nahm die Absichten der Nazis ohne Begeisterung in Kauf... und führte Befehle aus.

Was also will ich mit diesen Darlegungen sagen?

1.  Es gab ein Oben und es gab ein Unten, wie immer in dieser schönen real existierenden Welt. Ober sticht Unter. Ober befiehlt, Unter führt aus. Unter sieht, daß viele seiner Genossen schon den Weg ins Ausland, in die Fremde,  in den Tod oder das KZ oder in die Sondereinheit gegangen sind - und macht ohnmächtig mit. Ober dagegen hat die Verantwortung. Aber für was? Für das Entstehen der Verhältnisse überhaupt, die dieses Nazireich erst möglich gemacht haben, dafür, daß das Nazireich so reibungslos funktionieren konnte, dafür, daß das Volk so gekonnt eingelullt wurde: wirtschaftlicher Aufstieg, große Paraden und Masseninszenierungen, Rheinlandbesetzung, Heim-ins-Reich des Saarlandes, Olympische Spiele in Berlin, München 1938, große Anerkennung durch das "feindliche Ausland" - "Wir sind wieder wer" in voller action. Mußte der "deutsche Volksgenosse", der "eigentlich" dagegen war, da nicht klein- und wankelmütig werden?? Niemand stand hinter ihm - alle (Mächtigen + Ausland) waren für die Nazis, waren für Hitler. Wäre dieser 1938 gestorben, wäre er vermutlich als einer der großen Europäer in die Geschichte unseres Kontinents eingegangen. Und: die großen "Obers", die Leistungsträger würde man heute sagen, haben sichergestellt, daß der Nazistaat funktionierte.

2.  Goldhagen und sein Umfeld: während der Nazizeit, während des Krieges, als die schrecklichen Vernichtungen der deutschen und der europäischen Juden bereits voll im Gange waren (und der eine oder andere im Ausland angesichts der antideutschen Lügenpropaganda aus dem ersten Weltkrieg Ähnliches für möglich hielt), kümmerte sich kein Amerikaner und kein jüdischer Amerikaner um das Schicksal der Juden in den Nazi-KZ's und den Vernichtungslagern. Das interessierte niemand. Schlimmer. Die wenigen Überlebenden mußten sich dann später in Israel auch noch scheel ansehen lassen, weil sie überlebt hatten. Das ist entsetzlich, vermindert gewiß nicht unsere - moralische - Schuld an diesen Verbrechen, für die es nie zuvor Vergleichbares gegeben hat.

3.  Daß der junge Mann Goldhagen jetzt ein ganzes Volk, das deutsche, zu gewissermaßen gewohnheitsmäßigen Killern machen will, ist das übelste und schändlichste, was über uns gesagt werden kann - wenn man, ja wenn man weiß, wie die Geschichte wirklich war. Goldhagen weiß es nicht - sonst könnte er seinen schrecklich vereinfachenden Unsinn nicht bringen. Aber warum tut er es?

4.  Geht es um US-jüdische Wiedergutmachung an den Opfern, um die man sich seinerzeit, während der Nazizeit, nicht im mindesten gekümmert hat? Müssen dafür "die Deutschen" in Kauf nehmen, pauschal zu Mördern, ja zu bereitwilligen Mördern denunziert zu werden? Weil es Ihnen gewissermaßen im Blut liegt? Auf jeden Fall ist es Rassismus pur. Ist es bei Hinz und Kunz derzeit wieder Mode, so gegen "diese" Deutschen vorzugehen?

5.  Oder geht es um eine "gute Story", die sofort von manchen aufgegriffen wird - vor allem in Deutschland? Und hier in neuerlichen Schuldbekenntnissen gewissermaßen "bejubelt" wird. Ist nur ein "demütiger" Deutscher, der bis zu seinen Kindern und Kindeskindern im Staube winselt, ein guter Deutscher? (Ich entschuldige nicht im mindesten den seit jeher extrem nazifreundlichen Umgang der BRD mit Nazi-Richtern,  Nazi-Verbrechern und Nazi-Beamten: aber die Herrschaften kannten sich eben. Schon immer.

6.  Bei uns gehört es bei einer gewissen Sorte von Mäusen doch zum vermeintlich guten Ton, "die Deutschen" immer wieder niederzumachen, zu erniedrigen, zu Duckmäusern und Versagern zu stilisieren - ohne Ansehen der Fakten.

7.  Last but not least gewinne ich fast den Eindruck, daß es die Nazis als besonderen Machtfaktor des III. Reiches garnicht gegeben hat, weil es ja wohl - nach den heutigen klugen Predigern - das System der Deutschen war. Alle Deutschen (waren) in einem Boot? Und haben gemeinsam das III. Reich herbeigesehnt, aufgebaut und getragen? Nun hat es sie auf einmal doch gegeben, die Nazi-Volksgemeinschaft? Nur seltsam, daß das sogar der Gestapo entgangen ist (die Geheimen Berichte aus dem Reich). Alle unsere Widerstandskämpfer (ich meine vor allem die "von unten" und die vielen anderen Deutschen, die wirklich ein anderes, ein besseres Deutschland wollten - nicht die Anpassungsartisten von 1944, kurz vor Toresschluß) sind dann wohl umsonst gestorben, werden durch unsere heutigen Besserwisser noch einmal unter das Fallbeil geschleppt.

8.  In den USA hat es schon manchen Wahrheitsfanatiker und Freiheitskämpfer gegeben, bis zu den heutigen christlichen Koalitionen - Büffel, Indianer, Schwarze, Proletarier und Millionen anderer Menschen wissen davon schreckliche Lieder zu singen. Ergo: buchen wir Goldhagen im gleichen Regal ab; die USA scheinen mir ein Kämpfer für Freiheit, Recht und Ordnung zu sein, den ich nur mit Mühen hinter den Erfolgen und Ereignissen, den Taten und Zielen dieses Landes erkennen kann."

21.8.1996

Herbst 1996:

Die Torheit unserer Zeit: wenn es um die Nazizeit geht, sind alle Deutschen angeblich gleichermaßen schuldig. Ohne Ansehen der Person und der Fakten. Unabhängig davon, ob sie “oben” oder “unten” waren, Befehlsgeber oder Schütze Arsch. Goldhagen stieß mit seinen dummen Thesen in eine riesengroße Marktlücke. Unsere Intelligenzler jubelten laut auf, daß einer “wissenschaftlich” verkündete, was sie doch auch schon immer gewußt haben.

So soll sie  endlich wahr werden: die Volksgemeinschaft der Nazis? Die Gestapo konnte sie so nie erkennen - aber unsere klugen Nachgeborenen von heute? Die bringen es auf den Punkt.

Und so werden alle Deutschen schuldig.

Das sehe ich allerdings anders. Wer noch?

Lesen Sie hierzu: “Eine Nation auf dem Prüfstand. Die Goldhagen-These und die historische Wahrheit”. Norman G. Finkelstein und Ruth Bettina Birn.

Nachsatz:

Diese Gedanken sind anders als das, was derzeit bei den veröffentlichten ach so gelehrten Meinungen "in"  ist. Ich verkünde keine letzten Wahrheiten, bin kein Historiker, in meiner Familie waren keine Nazis - aber ich habe etwas dagegen, wenn immer wieder der Versuch gemacht wird, die Deutschen für alles Übel der Welt in Haftung zu nehmen - gewissermaßen die Umkehr des alten Schlachtrufes "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen". Das war übel und anmaßend, dumm und unverzeihlich - die heutige Version möchte ich in die gleiche Schublade tun. Wie wollen wir jemals als deutsches Volk inneren Frieden finden, wenn irgendwelche - möglicherweise durchaus wohlmeinenden - Dummköpfe uns immer wieder als schreckliche Barbaren enttarnen wollen? Guter Wille schützt vor Torheit nicht...