Honderich: Nach dem Terror Guten Tag, Herr Professor Brumlik!
"Eine Zensur findet nicht statt", sagt das Grundgesetz. In der Praxis gilt der Zusatz "… es sei denn, ein Mächtiger widerspricht." Dieser Mächtige sind also Sie: da bringt der Suhrkamp-Verlag ein Buch, daß Ihnen nicht in Ihr bedingungslos pro-israelisches Bild paßt - und
schon ziehen Sie vom Leder. In bin überrascht. Ist denn alle deutsche Welt von Sinnen, wenn i.S. heutiges Israel kritisch gedacht wird? Kann überhaupt keine kritisch-kontroverse Diskussion i.S. israelischer Terror gegen die Palästinenser mehr geführt werden? Eroberungsmacht seit 1947, mit der schleichenden Eroberung begonnen 50 Jahre früher, die UNO-Grenzen von 1947 nicht achtend, einen Krieg
nach dem anderen führend: nahezu allesamt Angriffskriege - und seit 1967 brutale Besatzungsmacht im eroberten Westjordanland. Israel betreibt seitdem, gegen alles Völkerrecht und gegen alle UNO-Resolutionen Besetzung, Enteignung, bei Bedarf auch Zerstörung von Infrastruktur, Diebstahl von Wasser, Vertreibung und Versklavung von Menschen ohne Ende - kein Wort davon bei Ihnen wie auch bei Sznaider in der heutigen FR. Israelisches Unrecht tief gestaffelt, auch bei der letzten Intifada dreimal so viel palästinensische Opfer wie jüdische: der Staat Israel führt einen Vernichtungs- wie Zerstörungskrieg mit allem, was einer hoch gerüsteten, ebenso hemmungslosen wie brutalen Militärmacht zur Verfügung steht: die Bandenbekämpfung der Nazis im besetzten Rußland läßt gräßlich grüßen. Doch starke Freunde des Staates Israel stört das nicht: die zahllosen palästinensischen Opfer kommen in deren Blickfeld einfach nicht vor. Der absolute Friedensunwillen der Israelis zwingt die unterdrückten Opfer, die keine Armee haben, keinen einzigen Panzer, kein einziges Flugzeug, keinen einzigen Hubschrauber, keine Artillerie, keinen mächtigen Verbündeten… und auch sonst nichts, ihr eigenes Leben als höchstes Opfer zu
bringen. Klar, im Sinne der absoluten, der bedingungslosen Pro-Israel-Freunde, wäre es selbstverständlich zuträglich, würden diese Palästinenser sich in den zahllosen von Israel ohnehin zerbombten und sonstwie zerstörten Häusern umbringen - aber doch nicht in Groß-Israel! Da, wo die Täter (die Wähler sind doch Herr des Verfahrens in diesem schönen Land!) so gern friedlich wohnen möchten - in all den schönen eroberten Gebieten, "urbar" gemacht auch für Leute aus dem tiefsten Rußland,
die ihr Judentum ganz frisch entdeckt haben. Daß die palästinensischen Attentate auch im Kernland Israels erfolgen, ist häßlich, tragisch, traurig - würden die Palästinenser aber in Palästina bomben… wer in Israel würde sich darum kümmern? Und: haben die Juden 1947 nicht selbst Terror gemacht und gebombt und gebombt, was das Zeug hergab? Ohne Rücksicht auf irgend jemandes Verluste? Wie
kommen Juden heute dazu, da moralisch den empörten Zeigefinger zu heben? Wieviel klüger wären die jüdischen Israelis und ihre Freunde, dächten sie doch manchmal daran, wie sehr sie, damals, eine eigene Heimat = Staat haben wollten - um jeden Preis… und wie sehr, selbstverständlich, auch die Palästinenser im eigenen Staat leben wollen? Frei und selbstbestimmt? Für Israel gibt es nur einen Weg: die gute Nachbarschaft. Die Palästinenser sind dazu bereit - immer noch, trotz aller
Demütigungen. Aber Israel muß allmählich "Butter bei die Fische tun". Doch gibt es heute Unrechtsbewußtsein bei den Juden Israels? Bei den Juden der Diaspora, die pflichtgemäß wie gequält gucken, wenn Interessen des Staates Israel "verletzt" werden? Bei den US-Amis? Bei den hilflosen EU-Europäern? Das interessiert doch niemanden. Die Palästinenser sind ganz auf sich allein
gestellt, mutterseelenallein. Die völlig unkritischen Freunde des Staates Israel stöhnen ganz beleidigt auf, hauen mächtig auf alle verfügbaren Pauken, lassen den "antisemitischen Antizionismus" (bei Gott - geht das nicht ein paar Nummern kleiner?) geschlossen aufmarschieren, entdecken den philosophischen Judenhaß - für welche Welt sollen all die Schlachtgesänge eigentlich gelten?
Sie bemühen zum x-ten Male Martin Walsers Tod eines Kritikers als "antisemitischen Roman"… und die Absicht ist klar: wer Ihnen nicht paßt, muß neutralisiert werden (hier, um den Verlag zu treffen). Martin Walser ist auch heute, trotz aller Verunglimpfungen, kein Antisemit, ist es nie gewesen: aber einem Großkritiker ist kein Kübel Unrat zu abgestanden. Sie haben jetzt also "gesiegt"? Der Suhrkamp-Verlag gibt klein bei, ganz klein? Keine neue Auflage, die Rechte werden zurück gegeben. Ein kläglicher Abgesang, wie bei Walser auch. Ich schüttle mich. Wenn wir dem Staat Israel und all seinen Menschen auch weiterhin wohlgesonnen sein wollen (und das nehme ich für mich
in Anspruch), dann müssen wir alle bei so schlimmen Maßnahmen wie denen, die die Juden Israels gegen die Palästinenser Palästinas (wie auch Israels!) praktizieren, energisch kritisieren. Dem Verlag hätte ich gewünscht, schlicht und ergreifend, "Mannesmut vor Königsthronen!". Altdeutsche Volksweisheit, ich weiß, ich weiß… Ist aber gültiger denn jemals zuvor.
Ein letztes Wort: So, Herr Brumlik, wie Sie in Ihrem Brief an den Suhrkamp-Verlag drauf gehauen haben, werden Sie in mir vermutlich auch einen "Antisemiten" oder etwas Ähnliches aus der Diffamierungskiste, die ja offenkundig wohlgefüllt ist mit Begriffen, sehen (wollen). Doch ich bin es nicht - mit keinem Gedanken, mit keinem Wort. Als Deutscher (Jahrgang 1937) weiß ich nur zu gut,
was es heißt, anderen Völkern bitteres Unrecht getan zu haben - das bedrückt mich immer wieder. Aber ich kann doch beim besten Willen nicht das Maul halten, wenn ein so bedeutendes Kulturvolk wie die Juden in Israel so "daneben" sind. Ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie die israelische Sache auch mal aus der Sicht der Opfer, der Palästinenser sehen würden. Es muß Frieden geben in
Israel und Palästina. Und zwar noch zu Lebzeiten der jetzt "Alten", die in ihren jungen Jahren ganz schlimme Sachen erlebt haben. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. 7.8.03 |