Historisches aus Eschborn

Vielleicht gibt es eines Tages mal mehr zu diesem Thema zu berichten.

Jetzt geht es mir nur um zwei Bereiche:

Ich möchte aufmerksam machen auf “Der Vierte Stand in Eschborn” von Siegfried Wurche über die ersten Schritte der Sozialdemokratie in Eschborn.

Und: ich möchte auf die Schriftenreihe der Historischen Gesellschaft Eschborn e.V. hinweisen. Der Interessierte findet hier manchen Hinweis auf das Leben der Menschen in Eschborn wie in Niederhöchstadt: Texte, Bilder, Geschichten. Lesenswert. Zum Schmunzeln. Und zum Verschenken.

Zuguterletzt dann auch der Hinweis auf verfügbare einzelne Exemplare des Werkes von Pfarrer Paul über das historische Eschborn: “Vom Vorgestern zum Heute. Eschborn und seine Geschichte”.

Doch, ich habe noch ein Anliegen - gewissermaßen ein weites Feld:

Zwangsarbeiter in Eschborn.(das ist eine Geschichte des Scheiterns einer Idee! Der Idee, ein bißchen Wiedergutmachung zu betreiben.)

Heutzutage (im Jahre 2000 ff!) in aller Munde: Zwangsarbeiter gab es nicht nur “irgendwo”, bei “den Nazis”, sondern auch in Eschborn. Sie sind zum Teil “freiwillig” gekommen, zum Teil unter erheblichem Druck. Keine Frage: jeder einzelne, Männer, Frauen, Kinder, hätte viel lieber zu Hause gelebt, sein eigenes Leben. Ohne Krieg, ohne Not, ohne Unterdrückung. Aber der Weltherrschaftswahn der Nazis und ihrer gläubigen Anhänger schickte die deutschen Männer, unsere Väter, Onkel und Großväter, auf die Schlachtbänke der mörderischen Kriege, die halb Europa in Schutt und Asche legten. Und schließlich auch das eigene Land. Zu Hause mußte die Arbeit aber weiter gehen. So mußten nicht nur die Frauen an die Werkbänke, in die Fabriken, aufs Feld - es mußten auch Fremdarbeiter her, um die körperlich schwere Arbeit, die von Frauen nicht geschafft werden konnte, zu bewältigen.

So lebten auch ein paar Hundert Menschen in Eschborn: in der Ziegelei, bei Schiele, bei den Bauern auf den Felder, in Haus und Hof. Sie lebten mit den Einheimischen, wurden genau so verpflegt, hatten Dächer über dem Kopf, konnten begrenzt reisen, waren krankenversichert bei der AOK in Frankfurt. Und hatten selbstverständlich auch die notwendige medizinische Versorgung. Wie berichtet wird, gab es praktisch keine Unterschiede zu den Einheimischen. In wie vielen Fällen, nicht nur in Eschborn, gab es viel menschliches Verständnis.

Für jeden Zwangsarbeiter wurde eine Karteikarte geführt, auf der auch seine bei ihm befindlichen Familienangehörigen verzeichnet waren, dazu die Geburtsdaten, der Heimat-Ort. Penibel genau geführt, wie auch für jeden hiesigen Staatsbürger die Bürokratie alles erfaßt hat. Diese Karteikarten sind überliefert; sie befinden sich jetzt im Archiv der Stadt Eschborn. In einer Reihe von Einzelfällen, wenn es entsprechende Anfragen von Überlebenden gab, konnte der Leiter des Archivs, Herr Raiß, schon mit den verfügbaren Angaben helfen. Einer gezielten, planmäßigen Veröffentlichung stellen sich im Augenblick noch Hindernisse in den Weg.

Eine Wunschvorstellung:

Wäre es nicht eine wunderbare Sache, gezielt Überlebende ausfindig zu machen? Die Stadt Eschborn könnte ihnen einen Urlaubsaufenthalt in Eschborn und Umgebung spendieren - und dazu noch ein ordentliches Reisegeld zur Verschönerung des Alters? Denken wir daran: die meisten der Eschborner Zwangsarbeiter stammen aus den osteuropäischen Ländern und sind vermutlich nicht mit Reichtümern gesegnet.

Sollte Ihnen dieser Gedanke zusagen, schreiben Sie dem Eschborner Magistrat, den Fraktionen in der  Eschborner Stadtverordnetenversammlung, dem Bürgermeister. Und unserem Ehrenbürger, Karl-Heinz Koch, mit der Bitte um hochherzige Unterstützung dieses Anliegens.

Würde sich diese Wunschvorstellung realisieren lassen, würde das unserer Stadt Eschborn und ihren Bürgern sicher zur Ehre gereichen. Geld? Keine Sorge. Geld ist in der Stadt Eschborn in reichem Maße vorhanden. Darum muß sich niemand Sorgen machen.                                                                                         
3.5.2000

Doch erstaunlich: große Schwierigkeiten türmen sich auf, die im Stadtarchiv Eschborn vorhandenen Daten der ehemaligen Zwangsarbeiter gezielt öffentlich zu machen. “Man” will es nicht, wie sich zeigt. Doch wer ist das, dieses “man”? Wem nützt es, wie schon die Altvorderen gefragt haben, wenn der Nutzen noch nicht auf der Hand lag? Sich verschanzen hinter dem sog. Datenschutz, hinter dem Hessischen Archivgesetz. Was soll das? Haben die Opfer immer noch nicht genug gelitten, daß jetzt wieder bürokratische Rechthaberei sich ungeniert austoben kann? Ich bin ratlos, daß unsere so viel gelobte Nachkriegsdemokratie sich immer wieder von dieser häßlichen Seite zeigt.
                                                                                                                                        2.7.2000

Der jüngste Stand: der Hessische Beauftragte für den Datenschutz hilft tüchtig mit, die Daten zu schützen: jeder tut das Seine, Hürden aufzubauen. So kann man alles schön im Sande verlaufen lassen. Wen interessiert da schon das Unrecht aus der Vergangenheit? Man selbst ist ja nicht betroffen: hat nicht darunter gelitten, leidet auch jetzt nicht. Gewissen? Fremdwort! Wenn man soo mit sich im Reinen ist. Wiedergutmachung an den Opfern? Wenn man nicht gezwungen ist!
                                                                                                                                        10.8.2000

Heißa -es tut sich was. Die Stadt Eschborn ist dabei, sich eine Archiv-Satzung zu geben. Der Magistrat hat zugestimmt. die Stadtverordnetenversammlung wird am 26.10.00 vermutlich ebenso zustimmen. Dann dürfen - rein juristisch gesehen! - Auswertungen beginnen. Hessenweit sind aufgeschlossene Städte und Gemeinden wie auch Heimatforscher dabei, die gefundenen Daten öffentlich zu machen, um den Opfern zumindest ein wenig Wiedergutmachung zuteil werden zu lassen. Ich bin neugierig, wie sich die außerordentlich wohlhabende Stadt Eschborn verhalten wird. Korrekt müßte ich allerdings sagen: “... wie sich die regierende bürgerliche Mehrheit verhalten wird”.                                                                                                                 
20.9.2000

Es ist vollbracht: die Satzung des Stadtarchivs Eschborn ist veröffentlicht. Nun kann die praktische Arbeit beginnen. Oder?                                                                                                                                
2.12.2000

Ganz neu: die ersten Bürger fragen, was war in Eschborn los - in der Nazizeit? Ja, ei: gab es denn sowas in Eschborn überhaupt? Es wurde doch alles verbrannt...                                                                   
11.12.2000

Neueste Erkenntnis: im Rathaus tut sich ‘was. Heute wird das Thema sehr viel freundlicher und aufgeschlossener gesehen. Ich bin sehr zuversichtlich, daß in absehbarer Zeit nicht nur die Karteikarten der damaligen Zwangsarbeiter offen gelegt werden, sondern daß es auch ehrliche Bemühungen der Stadt Eschborn geben wird, überlebende ehemalige Zwangsarbeiter nicht nur ausfindig zu machen, sondern sie auch nach Eschborn einzuladen. Was Friedrichsdorf kann, scheint Eschborn demnächst auch zu können.

Alles wird gut? Hoffen wir es. Die Zeichen stehen nicht schlecht.
22.8.2001

Alles ein Irrtum, Schalmeienklänge im leeren Raum? Die gleichen Widerstände, dieselben Bedenkenträger? Datenschutz als Täterschutz. Warum eigentlich nicht? War das nicht immer so? Und damit endete die Geschichte der Zwangsarbeiter in Eschborn. Vermutlich für immer.
 

Musik dazu?