Wo leben wir denn eigentlich - Oktober 2000? Das ist keine rhetorische Frage: wo leben wir eigentlich, in welcher Zeit, unter welchen Bedingungen? Wer? Um wen geht es alles? In Israel werden von den sog. Sicherheitskräften mal eben über 60 Menschen, Palästinenser, Zivilisten, Kinder, umgebracht. Man wird es kaum anders bezeichnen müssen. Ehud Barak beklagt sich im Fernsehen lauthals, Israel sei in einem Verteidigungskampf, den man mit allen
Mitteln (mit allen militärischen!) zu führen gedenke. Und die 60 Opfer? Deren Vorfahren seit 2000 Jahren in diesem Lande gelebt haben? Kein Wort. Und in Deutschland? Ein paar Fensterscheiben durch Steinwurf zu Bruch, ein dilettantischer Brandanschlag - die materiellen Kosten sind gering, Menschen sind nicht zu schaden gekommen. Die moralische Wirkung ist groß, zu recht, für mich überhaupt keine Frage. Staat und Gesellschaft müssen klar,
deutlich und effizient gegen jede Art von Gewalt und Diskriminierung vorgehen. Mit dem Ziel, doch möglichst noch zu unseren Lebenszeiten zivile Gewohnheiten wieder erreicht zu haben. Was aber ist die Wirkung dieser banalen Taten? Die Sprecher der jüdischen Gemeinden, Sie selbst und Ihr Kollege Spiegel, machen in Panik - darf ich es so bezeichnen? Sie selbst ziehen den Vergleich zur Reichskristallnacht, wenn die FR korrekt berichtet hat - und
Ihr Kollege Spiegel wirft die Frage auf, ob Juden noch in diesem Land bleiben - oder es besser verlassen sollten: auch wenn er das dann abgeschwächt hat. "Die Politik", dargestellt durch den Bundeskanzler und den Ministerpräsidenten Clement, unterstreicht die Panik, die Hilflosigkeit, durch persönliche Anwesenheit und jammervolle Gesichter, die sog. Betroffenheit geistert wieder durch alle Ritzen. Ja, wo leben wir denn? Vor allem:
was erreichen wir, die friedliche, demokratische deutsche Gesellschaft, durch solche Äußerungen wichtiger Repräsentanten unserer jüdischen Gemeinden in Deutschland? Jeder kleine Rabauke, Gewalttäter, Suffkopp, Neonazi muß sich ja als Held, als großer Täter, als ganz, ganz wichtig fühlen, wenn er - und seinesgleichen - solche Ergebnisse erzielen können: und das mit minimalem (Arbeits-)Aufwand. Bei materiell ebenso kleinem Schaden. Und wenn dann noch leichtfertigerweise von der zu erwägenden
Flucht aus Deutschland fabuliert wird, dann fühlen sich diese Drecksäcke doch kurz vor dem Ziel. Oder? Sollen die Juden in Deutschland vielleicht nach Israel gehen, wo man seines Lebens nicht sicher ist, wenn man nicht dem richtigen Volk (oder Volksteil) angehört? Ja, ich bin sehr wütend... Zurück zu den Ereignissen und ihrer vernunftorientierten Bewertung. Meine Mutter (Sie erinnern sich vielleicht: die Frau aus "Juden-Dorstfeld"!)
würde sagen: nun macht mal nicht so'n Bohai um die paar Steine. Ich denke seit geraumer Zeit: ich würde diese kleinen Gehässigkeiten (einschließlich der umgeworfenen oder besprühten Grabsteine) gar nicht an die Öffentlichkeit geben: Strafverfahren einleiten (in jedem Fall!), Schaden ohne lauten Aufwand beseitigen (Staatskosten, nicht auf Kosten der jüdischen Gemeinden, klar), keine Wirkung zeigen, keine Betroffenheit, keine Verzagtheit oder sonst irgend etwas. Denn: anderweitig ist es
auch nicht besser. Statt dessen aber laute, deutliche und absolut glaubhafte Erklärungen, wenn es geboten ist: " wir, die Juden in diesem Lande" bleiben in Deutschland, gehören hierhin, bleiben hier, leben hier für alle Zeiten. "Und niemand kriegt uns jemals wieder hier weg!" Die Neonazis müßten dann erkennen, daß sie in jeder Weise auf verlorenem Posten stehen - und keine Resonanz mehr in der Öffentlichkeit finden.
Ich bin sicher, daß eine solche Vorgehensweise über kurz oder lang positive Wirkung zeigen wird. Und zusätzlich strahlen Sie als die Sprecher auf die Juden in Deutschland gesunde und begründete Zuversicht aus. Das wäre nicht das Schlechteste. Und würde möglicherweise dieses rechte und charakterlose Pack demoralisieren. Allerdings verhehle ich auch eines nicht: wenn heute noch - oder immer wieder -
gesagt wird, "die Deutschen" sind eben so, sind immer noch Nazis usw. (Sie wissen schon: das Goldhagen-Credo), dann sage ich auch ganz klar, im Interesse des allgemeinen Rechtsfriedens (oder was auch immer): Leute, dann geht in ein anderes Land, wenn es überall so friedfertig ist. Quält euch nicht länger im Land der Verfluchten... Aber eben nur dann!! Unter realen Bedingungen sage ich hier und heute: bleibt hier, kämpft - und sagt es klar und deutlich. 8.10.2000 |