Martin Walser... und der Aufschrei

Ich meine, Walser wollte etwas ganz einfaches sagen:

1. Es ist genug mit dieser  ritualisierten Trauertagsgedenkerei. Man sieht es doch immer wieder im Fernsehen, wie die Herren Ehrengäste gelangweilt und schläfrig bis schlafend in den ersten Reihen hocken. Man "ist" und "macht", weil es Teil des Ritus ist.

2. Es ist genug damit, wie es in den letzten Jahren so richtig Mode geworden ist, Täter und Opfer in einen Topf zu werfen: "Alle Deutschen waren Nazis - und damit Täter"; "Alle Deutschen haben Juden gekillt (Goldhagen)"; "Alle Deutschen sind in der sog. Reichskristallnacht über ihren jüdischen Nachbarn hergefallen"; "Die Deutschen haben mit Begeisterung den Krieg geführt - und sind ohne Unterschied, ob Gefreiter, ob General, gleichermaßen schuldig und verantwortlich, hatten, gleich, ob "oben" oder "unten", den gleichen Anteil an den Taten und furchtbaren Verbrechen der Nazis."

3. Es muß Schluß sein, daß jedem, dem am anderen, am politischen oder moralischen, Gegner etwas nicht paßt, mit Vergleichen aus dem Reich des Ungeheuerlichen geantwortet wird ("Auschwitz", "Völkermord"). Das sind m.E. die Walserschen Moralkeulen.

Walser wollte m.E. auf das wirkliche Gedenken zurückkommen - und das muß in jedem von uns Deutschen (ich bin Jahrgang 1937) tief drin sein. Bei mir ist es drin - ich weiß, was Deutsche getan haben. Aber eben nicht nur so pauschal, wie es dargestellt wird: mein Vater und meine Onkel und mein Großvater haben sich schon vor dem 30. Januar mit der SA geprügelt - weil sie überfallen wurden; meine Leute haben Angst gehabt vor den braunen Horden, vor den Nazis, vor der Gestapo.

Aber die Nachfahren der Täter wollen alle zu Tätern machen - und damit die wahren Schuldigen letztlich freisprechen. Denn: "Wenn alle schuldig waren - wer will dann noch den ersten Stein werden?" Und das wird uns heute suggeriert - gerade von den sogenannten "linken" Denkern und Journalisten in diesem unserem Lande. Und das ist m.E. das wirkliche Problem.

Mein Fazit: nichts und niemand wird uns jemals die Schande nehmen, die in den schrecklichen 1000 Jahren in Deutschland begangen worden sind. Von Deutschen (und ein paar anderen), an "Anderen" einschließlich der jüdischen Deutschen (und Deutschen, die" nur"  politische Gegner der Nazis waren).

10.7.99

“Es ist genug mit dieser  ritualisierten Trauertagsgedenkerei. Man sieht es doch immer wieder im Fernsehen, wie die Herren Ehrengäste gelangweilt und schläfrig bis schlafend in den ersten Reihen hocken. Man "ist" und "macht", weil es Teil des Ritus ist.”

Wirkliche Trauer? Wirkliches Mitleiden? Da habe auch ich ganz starke Zweifel.

Allerdings: vielleicht habe ich mich doch geirrt: Martin Walser hat sich zu meiner Anfrage nicht geäußert. Habe ich ihn überinterpretiert?

Walser: Widerruf seiner Paulskirchen-Rede?
Scheint so...