Als der antisemitische Mob losschlug

Brandstiftung, Plünderei, Verwüstung: Novemberpogrome 1938 im Main-Taunus-Kreis
Von Barbara Helfrich - FR-Lokal-MTK - 7.11.2002

Bei einer Gedenkstunde wird morgen Abend an der ehemaligen Synagoge in Hofheim an die Novemberpogrome 1938 erinnert. Die FR dokumentiert antisemitische Ausschreitungen aus Kommunen im Kreis.

MAIN-TAUNUS-KREIS. Max Schohl war Fabrikant und Vorsteher der jüdischen Kultusgemeinde in Flörsheim. Während der Weltwirtschaftskrise hatte er eine Volksküche eingerichtet und kostenlose Schulbrote verteilt. Die Flörsheimer dankten ihm seinen mildtätigen Einsatz nicht. Am 10. November 1938 demolierten sie sein Haus, unterstützt von auswärtigen Arbeitern, die beim Autobahnbau eingesetzt waren. Schohl flüchtete später nach Jugoslawien, wurde dort von den Nazi-Schergen aufgegriffen und kam im Dezember 1943 im KZ Auschwitz um.

Randaliert wurde in Flörsheim auch beim Futtermittelhändler Martin Altmeier und beim Altwarenhändler Hermann Herzheimer in der Bahnhofstraße. Dort warfen die Täter Wäsche aus dem Fenster und verstreuten die wertvolle Briefmarkensammlung Herzheimers. Die Flörsheimer Synagoge war am Tag zuvor kurz und klein geschlagen worden. Angezündet wurde sie nicht - aus Angst, das Feuer könne sich in der Altstadt ausbreiten.

Nur ihre Nähe zu anderen Häusern rettete wohl auch die Hofheimer Synagoge vor dem Feuer. Doch der antisemitische Mob demolierte die Inneneinrichtung und riss den Davidstern vom Dach des Gotteshauses. Heute ist in dem Türmchen an der Burggrabenzeile eine Weinstube, eine Plakette erinnert an die Geschichte des Gebäudes und seine Verwüstung.

In Hofheim wurden in der Pogromnacht außerdem an den Häusern dreier Jüdischer Familien die Fensterscheiben

eingeworfen; das jüdische Kinderheim Ettlinger in der Kapellenstraße wurde verwüstet. Die Wallauer Synagoge wurde geplündert, Einrichtung und Kultgegenstände karrten Wallauer Bürger auf dem Leichenwagen der jüdischen Gemeinde um Sportplatz und verbrannten sie dort. In Hochheim lebten im November 1938 elf Juden. Am 10. November verwüsteten SA-Männer und ihre Helfer unter anderem den Gebetsraum m der Rathausstraße 29 sowie Geschäft und Wohnung es Textilhändlers Hugo Dreifuß. Der jüdische Geschäftsmann schnitt sich in seiner Verzweiflung die Pulsadern mit den Scherben eines Spiegels auf, der bei der Gewaltaktion zu Bruch gegangen war. Sanitäter brachten ihn ins Krankenhaus. Wenige Monate später gelang ihm die Emigration. Im Sommer 1939 meldete der Hochheimer Bürgermeister die Stadt als "judenfrei*. In Hattersheim, Eddersheim und Okriftel gab es Ende der 30er Jahre keine Synagogen. In der Pogromnacht verwüstete der von den Nazis aufgestachelte Pöbel in allen drei Orten Häuser jüdischer Bürger. In Hattersheim brach er das Kühlhaus des Metzgers Ludwig-Leo Nassauer in der Mainzer Landstraße 52 auf und warf das Fleisch hinaus. In Eddersheim landeten Möbel des Viehhändlers Klein auf der Straße, die Betten des Schuhmachers Hubert in der Propsteistraße wurden aufgeschlitzt.

Zu schweren Ausschreitungen gegen Juden kam es in Bad Soden. Die Synagoge in der Neugasse wurde völlig zerstört, in der Leichenhalle auf dem jüdischen Friedhof die Fenster eingeschlagen. Verwüstet und geplündert wurden auch mehrere jüdische Anwesen. Die israelitische Kuranstalt wurde niedergebrannt. "Die sind ja gar nicht krank, die kommen nur hierher, um zu huren", höhnten die Täter. Der Leiter der Kuranstalt flüchtete nach England, wo er 1965 mit 90 Jahren starb. Seine Haushälterin Mina Grünebaum wurde ins KZ Buchenwald deportiert. Sie überlebte den Holocaust nicht

Außergewöhnlich waren die brutalen Übergriffe nicht. Überall in Deutschland geschah Ähnliches, mehrere hundert jüdische Bürger wurden getötet. Ernst Janke, damaliger Landrat, beschrieb die Ereignisse des November 1938 in einem Bericht an den Regierungspräsidenten mit einem lapidaren Satz: "Es sind die üblichen Sachbeschädigungen an den Synagogen und Privathäusern verübt worden."

Liebe Leute,
da hat die Redaktion ja mal wieder mächtig zugeschlagen... wenn es um das Denken an den 9. November geht, nichts Neues. Obwohl Barbara Helfrich doch zweifellos eine erfahrene Journalistin ist.
Diese Meisterleistung jedoch muß man sich auf der Zunge zergehen lassen: Nur zweimal werden die Nazis erwähnt ("... SA-Männer und ihre Helfer"; "... der von den Nazis aufgestachelte Pöbel...") und der bekannte Nazi-Landrat Janke erscheint als einer, der nicht sonderlich hingesehen hat. Ansonsten
sind es in Ihrer Berichterstattung mal wieder die "ganz gewöhnlichen Deutschen" in Gestalt von Hofheimern, Flörsheimern und Sodenern, die sich voll antisemitisch betätigen.
Kein Wort davon, daß die "Reichskristallnacht" von Goebbels befohlen war, zentral angeordnet und systematisch durchgeführt wurde: von der SA, von der Nazi-Partei, von den Nazi-Horden. Daß Drecksäcke aus der Zivilbevölkerung mitgemacht haben, ist doch dabei wirklich nicht die Hauptsache gewesen. Von Goebbels war angeordnet, daß die Feuerwehren nicht zu löschen hatten, es sei denn "arisches Eigentum" sei gefährdet. Auch die seit langen Jahren gleichgeschaltete Polizei hatte still zu stehen. Viele gewöhnliche Deutsche im Reich waren betroffen, sehr betroffen - vermutlich auch in Hofheim, in Hochheim, in Soden
. Warum verschweigen Sie das?
All diese Fakten sind bekannt - die Lokal-FR MTK leugnet das allerdings immer wieder! Warum nur? Ehrenrettung für die Nazis durch Verschweigen von dero Haupttäterschaft? Nur damit das gewöhnliche Volk um so verkommener erscheint?
Ganz am Rande: so in etwa, nämlich, daß die Bevölkerung das in die Hand nahm, hat auch die Nazi-Presse befehlsgemäß berichtet. Damit wollen Sie doch nicht in einem Atemzug genannt werden müssen - oder? Ich bin Ihnen dankbar, wenn Sie endlich, vielleicht schon zum 9. November 2003, korrekt und ehrlich berichten
.
16.11.2002

Wer es wissen will, weiß es: die sog. Reichskristallnacht war kein Aufruhr der Bevölkerung gegen die jüdischen Nachbarn, sondern eine zentral von Joseph Goebbels befohlene (Rache-)Aktion gegen die jüdischen Deutschen, die sich bis dahin noch nicht hatten vertreiben lassen.
Jeder weiß es - bis auf die Lokalredaktion MTK der Frankfurter Rundschau. Da geht es immer noch um das “Losschlagen des antisemitischen Mobs”, der Bevölkerung eben.
Seltsam: die Nazipresse hat das genauso gesehen. Schrecklich? Ja, Volksverhetzung im Jahre 2002.
Ich schrieb der FR einen Leserbrief. Er fand keine Gnade. Ich war da aber sehr verwundert...

Mein Brief an die Redaktion. 8.11.02

Oh, ich will nicht mehr jammern! Die FR hat einen genehmen Auszug gebracht (20.11.02). Das ist besser als nix! Und, haben wir früher mal gelernt: “Nix ist besser als garnix!” Die “gebrachten” Teile habe ich gekennzeichnet.