"Nationale Identität - was könnte das sein?"

Keine Frage: wir haben als Deutsche eine traurige Geschichte hinter uns - doch sie ist nicht tot (und damit "erledigt"), weil, was die Nazis angeht, nach 1945 nie differenziert wurde zwischen Tätern und Opfern, Nazis und anderen, Nutznießern des Systems - und all den anderen, die nur Angst hatten.

Nach dem 8. Mai gab es eine große Linie (ich selbst bin Jahrgang 1937): alle Deutsche in einen Topf, in den Topf der unsäglich schuldigen Barbaren, in den Topf derer, die nur noch zu verachten sind, bei all dem, was die Nazis, Pardon: die Deutschen, angerichtet haben. Es ist zwar kaum zu bestreiten, daß bei den letzten einigermaßen freien Wahlen am 5.3.1933 nur eine Minderheit der Deutschen die Nazis gewählt hat, diese aber eine Mehrheit bekamen, weil all die bürgerlichen und guten deutschen Demokraten, die Liberalen, das Zentrum, die Mittelständler, die Feinde der Republik, die "staatstragenden" Kräfte, und alle potentiellen Nutznießer mitgemacht haben.

Ist es nicht zumindest zwangsläufig, daß die einfachen Deutschen, die keinerlei Einfluß auf die Politik hatten (nachdem ihre abweichende Stimmabgabe am 5.3.33 ohne Ergebnis geblieben war), zunehmend das Maul halten mußten (Terror, Terror!) - und schließlich bei all den "Erfolgen" gleichgeschaltet waren? Ein Thomas Mann hatte es leicht, aus dem sicheren Kalifornien 1941 an die Einsicht der Deutschen zu appellieren - während die Hiesigen wußten, daß ein Führerwitz genügte, den (eigenen!!) Kopf unter das Fallbeil zu legen.

Klar, die großen Renten, Pensionen, Besitze, Machtpositionen gingen nach dem 8. Mai nicht an die Opfer, nicht an die Widerstandskämpfer, nicht an die Kommunisten, Sozis, Juden und die anderen subversiven Subjekte, an die Hoch- und Landesverräter: nein, sie gingen an die alten Nazis, die ihr Haupt gar nicht verhüllen mußten: sie konnten bleiben, was sie immer waren. Sie hatten den richtigen Einstieg zur "Vergangenheitsbewältigung": "alle Deutschen in einen Topf". Das war von Stund an die herrschende Ideologie. Alle errungenen Machtpositionen blieben unangetastet - aber "der gewöhnliche Deutsche" ging ob der Nazi-Verbrechen in Sack und Asche.
Er schämte sich wirklich, duckte sich künftig weg, wenn von den Naziverbrechen die Rede war. Er wollte es nicht (mehr) wissen, nicht (mehr) hören... als Deutscher, als Angehöriger dieses verfluchten Volkes. Die "da oben" hatten allerdings keine Probleme mit ihrer Vergangenheit, mit ihrer Schuld, mit ihren Tatbeiträgen, mit ihren Gewinnen aus den arisierten Besitzen.

Und jetzt bin ich - stellvertretend für andere Ihres Genres - bei Ihnen: als vermutlich Nachgeborener des Nazisystems erklären Sie uns heute die Welt - und auch bei Ihnen ist eine "Bank", daß all die Deutschen von damals schuldig sind: alle Deutschen haben die Nazis gewollt, jeder einzelne auch noch so kleine Deutsche hat seinen Tatbeitrag an den unsäglichen Verbrechen der Nazis: ja, das haben Sie richtig bemerkt - ich differenziere zwischen den Taten der Nazis und den Tatbeiträgen der gewöhnlichen, der kommandierten Deutschen. Sie sagen faktisch, meinen es, stellen in den Raum: die Deutschen haben die Verbrechen begangen. War es so? Kommen Ihnen da nicht irgendwo Zweifel, winzigkleine zumindest? Da fangen Sie an, über die "Identität" zu fabulieren, blut- und gedankenleer, wie es wohl nur an unseren Universitäten, bei unseren Intellektuellen sein kann, die eben keine Beziehung zu diesem unserem deutschen Volk haben, keine Beziehung dazu, wie es zum 30. Januar gekommen ist, wie zu all den schrecklichen Verbrechen. Da sagen Sie wörtlich: "Wie soll ein Unterricht aussehen, der Schülerinnen und Schülern vermittelt, ihre "nationale Identität" schließe ein Bekenntnis zu Höß und Himmler ein? Sie seien Enkel des Landes der Täter?"

Haben Sie eigentlich einen blanken Schimmer davon, welchen entsetzlichen Mist Sie hier von sich geben? In welchem Umfang Sie die Wahrheit, die Tatsachen, leugnen? Sie reden, als hätte jeder Deutsche in freier Selbstbestimmung den Nazis schon vor dem 30. Januar zugejubelt, wäre am 30. Januar vor nationaler Begeisterung besoffen gewesen - und hätte dann von Stund an nur noch überlegt, wie man welche Verbrechen begehen kann? Daß Goldhagen bei Ihrer Betrachtungsweise herzlich grüßen läßt, muß nicht extra thematisiert werden. Wäre es so gewesen, und hätten die Deutschen nach immer neuen Verbrechen gelechzt, dann lägen Sie mit Ihrer Intension nicht falsch. Aber: es war eben nicht so. Wer wissen will, der weiß es - wer die Tatsachen so intensiv leugnet (Pardon: verkennt, nicht wahrnimmt), wie Sie es tun, ist eben nur ein deutscher Intellektueller. Ziemlich einmalig auf der Welt in seiner charakterlichen Reinheit...

Daß Sie da dem Hoheisel-Vorschlag zustimmen, ohne das ausdrücklich zu tun, ist nicht weiter verwunderlich: aber - was soll das? Und zum nicht allzu guten Schluß Ihrer Aufsatzes sind Sie immer noch bei Thomas Mann, kommen zu dem seltsamen Schluß "Der einsetzende West-Ost-Konflikt, der Kalte Krieg erforderte einen Abbruch der Bestrafung, eine Rücknahme des Banns." Wenngleich Sie ganz richtig Oberländer, Abs, Globke "und wie sie alle hießen" benennen: Sie ziehen keine Schlußfolgerung, die Sie jetzt zumindest hätten ziehen sollen.

Nein, da bin ich ungerecht, die konnten Sie gar nicht ziehen: Sie sind doch im Oberflächlichen stecken geblieben - da konnte auch Ihre Analyse nicht besser werden. Was aber wurde tatsächlich durch "Abbruch der Bestrafung", durch "Rücknahme des Banns" ausgedrückt? Daß das alles nicht wirklich schlimm war, was die Nazis gemacht hatten. Was hatten sie denn schon getan? Kommunisten und Sozis totgeschlagen, die Gewerkschaften vernichtet, die Intellektuellen mundtot (oder: friedhofstot) gemacht, Juden diskriminiert, dann verfolgt, zur Flucht "ermutigt", letztlich diese Menschen europaweit systematisch vernichtet, die Sowjetunion zu vernichten versucht: hat das alles irgendeinen westlichen "Demokraten" ernsthaft vergrätzt? Niemand wird das wohl behaupten wollen. Als es dann wieder gegen "die Kommunisten" ging: da hatten wir eine schöne Einheitsfront. Jetzt der westlichen Demokraten, unter Einschluß der West-Deutschen. Der westdeutschen Besitzbürger, der Eliten aus allen Zeiten, der Nutznießer der 1000 Jahre, der Antikommunisten, die alle Zeiten glorreich überlebt hatten.

Monsieur: unsere Toten, die Widerstandskämpfer gegen die Nazis, sind immer noch tot, diskriminiert bis auf den heutigen Tag. Darüber sollte in den Schulen gesprochen werden, darüber, daß ganz viele Deutsche gegen die Nazis waren, darüber, daß ganz viele Deutsche unterm Fallbeil ihr Leben ausgehaucht haben, darüber, daß ganz ganz viele Deutsche jeden Tag Angst hatten vor der Polizei, vor der Gestapo, vor dem Nachbarn, vor dem Pg, vor jedem Uniformträger, darüber, daß 30.000 Standgerichtsurteile gefällt worden sind, darüber, daß die kleinste kritische Bemerkung gegen die Nazis die Perspektive zur Gestapo, in die Gestapokeller, ins Zuchthaus, unters Fallbeil gehabt hat.

Unsere Kinder sollen sich im Rahmen ihrer nationalen Identität zu Höß und Himmler bekennen, ihre Eltern und Großeltern als gewöhnliche Mörder begreifen - wenngleich die Mehrzahl unserer Leute, der ganz gewöhnlichen Deutschen, nur "Schütze Arsch" waren - aber nicht Generalfeldmarschall, ausführendes Organ und nicht Befehlshaber, Angeklagter und nicht Blutrichter? Ich bin fassungslos über so viel Gedankenlosigkeit. Sie merken, ich formuliere wohlwollend: sonst müßte ich von fehlendem Anstand, von Ehrlosigkeit reden.

Oben oder unten? Das, das ist genau das, worauf es ankommt im Leben. In den 1000 Jahren ebenso wie heute. Und das schließt für Sie eine bittere Wahrheit ein, einen Auftrag, eine Verpflichtung: wer, wissensmäßig, "oben" ist, muß sich mehr Mühe geben in der öffentlichen Diskussion als der Opa, der irgendwas vom Krieg erzählt. Und dabei froh ist, daß er den überlebt hat. Reich geworden ist der Opa dabei nicht - andere aber sehr wohl. Und diese anderen sind die Enkel von Höß und Himmler, die Nutznießer von damals haben Kinder und Enkel... und haben keine Arisierungsgewinne je wieder abgeben müssen.

Ihr "törichter Wunsch", mein Herr: das ist die infame Flucht vor der Realität, die da sagt: Sag mir, ob du oben oder unten bist - und ich sage dir, ob du Täter und schuldig oder Getriebener, Mitläufer... und armes Arsch bist. Das sich dann auch noch mit seinen Selbstzweifeln (s. die gewöhnlichen "kleinen" Nachkriegsdeutschen bis heute hin!) plagt und mit seiner nationalen Identität nicht mehr klar kommt. Die anderen, die da "oben", machen prächtige Gewinne. Und bestimmen, was "wahr" ist.

Ja, es führt kein Weg daran vorbei: wenn wir uns mit unserer eigenen Vergangenheit befassen, dann sollten wir konkret werden, den Tatsachen furchtlos und wissen wollend ins Auge sehen, den wirklichen - und nicht den für wahr gehaltenen. Das ist dann nur Ideologie.

Am Ende bleibt eine einfache Erkenntnis: die Deutschen sind ein ganz normales Volk. In ihren Stärken und Schwächen. Wie jedes andere auch. Die 1000 Jahre waren das Ergebnis ganz außerordentlicher Umstände - und die Nazis haben viel Aufwand machen müssen, um ihren Herrschaftsanspruch durchzusetzen. Broszat und Kershaw, um nur einmal zwei zu nennen, sind absolut lesenswert. Wer will, erkennt dann, wieviel Widerstand gebrochen werden mußte. Jubel - ja. Aber wie viele haben nicht gejubelt???

3.10.2000

“Nationale Identität - was könnte das sein?” Über das Elend mit den Orten der Erinnerung. Detlef Hoffmann in der FR vom 5.8.2000. Brief an den Autor.

Prof. Dr. Detlef Hoffmann:
”Ich verstehe die Erregung Ihres Briefes nur sehr bedingt - mein Problem, das ich auch an Beispielen erörtert habe, ist die Frage, ob es eine “nationale Identität” gibt. Diese Frage habe ich verneint.Ich hätte sie auch verneint, wenn es keine Verbrechen 1933-1945 gegeben hätte. Wenn Sie die Frage bejahen, haben Sie die Probleme, von denen Sie handeln.”
9.10.2000