“Terror in Israel und Palästina Sehr geehrter Herr Botschafter Stein, seit einem außerordentlich informativen, ja beeindruckenden Studienaufenthalt in Israel im Herbst 1994 (davor: Syrien und Jordanien) sahen mich Land und Leute auf ihrer Seite. Ich habe mich seitdem viel mehr mit Israel und den Juden, Palästina und den Palästinensern, mit der Geschichte der Juden und mit den Juden in Deutschland beschäftigt als jemals zuvor. Das führte allerdings dazu, daß meine zunächst grenzenlose Bewunderung für die Aufbauleistungen Israels und seiner Bürger, das Wissen um die Leiden des jüdischen Volkes seit dem zweiten jüdischen Aufstand und das unendliche Leid, das Deutsche in der Nazizeit den Juden Europas zugefügt haben, zunehmend einer differenzierenden, dann differenzierten Betrachtungsweise der Lage in Israel und Palästina wichen. Mein Mitgefühl mit den Juden
wurde ergänzt durch ein immer größer werdendes Mitgefühl mit den Palästinensern, die ja nicht nur in der Zeit des Schreckens 1948 ff ihre Heimat, ihren Besitz, ihre Daseinsberechtigung und - viele - ihr Leben verloren. Ich habe gerne erkannt, daß Israel als regionale Großmacht von niemandem mehr ins Meer getrieben werden kann - daß aber auch niemand unter den arabischen Nachbarn mehr die Absicht dazu hat:
die Nachbarn haben Staat und Gesellschaft Israel akzeptiert - und die Palästinenser haben in den Oslo-Vereinbarungen das Existenzrecht des Staates Israel anerkannt. Wie aber, Herr Botschafter Stein, verhält sich das großmächtige Israel, der Staat des jüdischen Volkes, das auf eine so bemerkenswerte Geschichte und Kultur zurückblicken kann, dem kleinen geplagten, ja gepeinigten Volk der Palästinenser
gegenüber? Während schon die Großen des neuen jüdischen Staates, David Ben Gurion und Golda Meir, behaupteten, es gäbe keine Palästinenser (in Israel), und ihre Okkupationspolitik gegen die Araber in Israel und dann in den besetzten Gebieten hemmungslos nicht nur fortsetzten sondern beständig ausweiteten, wurde in der jüngsten Zeit eine neue Qualität im Kampf des großmächtigen Israel gegen die kleinen Leute mit "der Schleuder", die Palästinenser, erreicht. Die nahezu geschlossene jüdisch-israelische Einheitsfront gegen die Palästinenser ignoriert wider jedes bessere Wissen, daß Israel mit großer Energie gegen UNO-Beschlüsse wie gegen das Völkerrecht verstößt. Seit "Oslo" hat sich von israelischer Seite nichts getan, was geeignet erscheinen könnte, die unterdrückten Palästinenser in eine gerechte, in eine faire rechtliche wie tatsächliche Position zu bringen. Im
Gegenteil: Israel ist nicht bereit, sich aus den (widerrechtlich!) besetzten Gebieten zurückzuziehen, die Siedlungstätigkeit wird sogar beharrlich ausgeweitet, die Siedler in ihrer radikal-chauvinistischen Haltung bestärkt, die ohne Hemmungen ihren eigenen Krieg gegen die Araber führen. Was können die Palästinenser in so aussichtsloser Lage tun, um ihren Besatzern zu zeigen, daß sie dann eben kämpfen
müssen, kämpfen mit den Waffen, die ihnen zur Verfügung stehen? Das sind jetzt ihre eigenen Leiber, mit Sprengstoff behangen. Israel nennt das schlicht - und anmaßend - Terror, der mit einem tödlichen Krieg gegen die Palästinenser beantwortet wird: Panzer und Raketen, Flugzeuge, Hubschrauber und Artillerie gegen Zivilisten, gegen Kinder... und gegen "schwerbewaffnete" Kämpfer, die außer ihren
Flinten nichts haben, was Israel in Bedrängnis bringen könnte. Sie haben nur dies... und ihre lebenden Bomben. Das höchste Maß an Opferbereitschaft, mit dem die grenzenlose Verzweiflung sichtbar, hörbar... und fühlbar gemacht wird. Fühlbar eben auch für Israel und seine Bürger, die so erleben, daß in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft Schreckliches passiert. Das allerdings Ursachen hat, Ursachen, die mit
ihrem eigenen Land, dem Staat Israel, zu tun haben. Mit einem Verhalten des Staates Israel, das mit den großen Leistungen des jüdischen Volkes nicht korrespondiert, auch nicht mit seinen hohen moralischen und humanistischen Maßstäben in Deckung zu bringen ist. Die Juden haben in der Mandatszeit selbst gebombt, was das Zeug hergab - und haben 1948 ff sich von einer ganz schrecklichen Seite gezeigt. Sie
haben dabei ihren eigenen Staat gewonnen und sich in einer Umwelt behauptet, die den Juden wie dem Staat Israel nicht freundlich gesonnen waren: u.a. auch aus religiösen Gründen. Wie aber soll es heute weiter gehen? Will Israel ohne Ende weiter bomben, töten, morden? Gebombt, getötet, gemordet werden? Bis zum letzten Palästinenser? Welch ein unvorstellbarer, grenzenloser Wahnsinn! Welch unendlicher Hochmut, den der Eine (wenn es ihn geben sollte), trotz aller biblischen Geschichten
"eigentlich" mißbilligen müßte. Israel mit seinem Terror gegen ein kleines, nahezu wehrloses Volk als Mittelpunkt der Welt? Ist das die Rolle, die Israel sich wünscht? Ist das der Ausgleich für alle Unterdrückungen, die Juden in vielen Ländern des Erdkreises erlebt haben, in die sie aus eigenem Entschluß gezogen waren? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein. Warum zieht Israel sich nicht gleich morgen aus allen besetzten Gebieten zurück? Unter Rückholung seiner Siedler? Mit einem Versprechen auf großzügige Aufbauhilfe für die neuen Nachbarn, die genau so tüchtig sein können - und es gern möchten! - wie die Israelis. Israel würde ganz plötzlich mitten im Frieden leben, könnte eine wunderbare, humanistische Gesellschaft aufbauen - respektiert, geachtet und, vielleicht sogar, geehrt von
seinen Nachbarn. Warum, sehr geehrter Herr Botschafter Stein, macht Israel das nicht? Gewährt den Palästinensern ihren eigenen, völlig souveränen Staat, auf den dieses Volk genau so einen Anspruch hat wie die Juden auf ihren Staat? Den sie, die Juden, haben - und den ihnen niemand mehr streitig macht. Warum nur nicht ein gleiches Recht für die anderen, die seit ewigen Zeiten ohne Unterbrechung in diesem Land leben? Ich würde es gern verstehen. Das heutige Verhalten der Führung des Landes, ja, fast des ganzen Landes, ist nicht nur der Höhepunkt einer Kette unvorstellbaren Hochmutes - es ist eine einzige Schande. Eine Schande, die in die Annalen eingehen wird wie die Leiden des jüdischen Volkes.” 5.12.2001 |