"Ein kurzer, verschämter, paradoxer Augenblick des Eingeständnisses"
"Ich habe das vollste Verständnis, wenn man die jüngste deutsche Geschichte der 1000 Jahre äußerst kritisch sieht - das geht mir genau so. Und es ist mir mittlerweile auch hinreichend bekannt, daß die deutschen "Eliten" des 19. Jahrhunderts, nachdem der christlich-religiöse Antisemitismus sich tot gelaufen hatte, in großen Teilen starke antisemitische Gefühle hatten - nicht wenige davon aus ganz ordinärem Konkurrenz- und Futterneid. Warum allerdings das
Werden der Nation bzw. das zunächst einmal innere Abgehen von der deutschen Kleinstaaterei im 19. Jahrhundert gleichzeitig, trotz gehabter Aufklärung, den bürgerlichen Antisemitismus beflügelt hat, ist mir bis jetzt noch nicht verständlich geworden (ich selbst bin Atheist, meine Eltern und Großeltern waren es auch, bei uns zu Hause hatte man stets Angst vor den Nazis und den Ochsenaugen, Arbeiterfamilie eben). Bekannt ist mir, daß die Nazizeit mit sog. Entnazifizierungen
schmerzlos und ohne Enteignungen (bzw. Rück-Eignungen von arisiertem Gut) und unter Beibehaltung aller Rechts-, Status-, Pensions- und Besitzpositionen überstanden wurde: das galt für "die da oben", die Aktiven, die alten Eliten, die Wirtschaft, den Justizapparat, die Nazis und alle ihre Mitläufer. Die kleinen Deutschen, die über den Grad des OG nicht hinausgekommen sind, sofern sie überlebt hatten, standen da ärmer als zuvor, verkrüppelt, krank, beschämt. Ich erinnere mich, wie ich
direkt nach Kriegsende ein von den Amerikanern aufgehängtes Plakat mit einem Bild von KZ-Opfern gesehen habe: meine Mutter war entsetzt und sagte "man hat den Nazis ja jede Schlechtigkeit zugetraut - aber so was...!" Sie konnte es nicht fassen. Sie wird vermutlich nicht der einzige Mensch in Deutschland gewesen sein, der so empfunden hat. Und wie viele dieser kleinen Deutschen gingen dann in Sack und Asche, fühlten sich schuldig. Seit den '68-ern wurde das dann anders: die
neue deutsche Elite erklärte von Stund an, bis zum heutigen Tag, alle Deutschen (zu allen Zeiten?) zu Verbrechern - ohne Ansehen der Fakten. Eine solche Haltung ist für mich dummes Zeug. Schuld ist nicht nur individuell, sie muß auch durch eigenes Tun - oder Unterlassen, wenn eine Alternative bestand - bedingt sein. Dafür ist entscheidend, welchen Tatbeitrag, um das formal anzugehen, ein Mensch gehabt hat: Kommandierender oder Kommandierter, Richter oder Angeklagter, General oder Schütze
Arsch, Träger des goldenen Ochsenauges oder kleiner Arbeiter. Und jetzt kommen Sie und fabulieren auf eine Art, die mir unverständlich ist. Da wollen Sie doch offenkundig suggerieren, daß die Wahnvorstellung Himmlers über den Massenmord an den Juden eben nicht nur von den Nazis "als Gründungsakt gemeint" gewesen sei, sondern, da führen Sie dann auch noch den Lebensoptimisten Dostojewski ins Geschehen ein, daß das ganze Geschehen das deutsche Volk zusammengeschweißt haben soll,
als "gemeinschaftlich begangener Mord". Der also verbindet, einigt - wohl so was wie die gemeinsame Leiche im Keller oder als etwas, worauf man stolz ist? Haben die Nazis eigentlich im Reich sich ihrer Verbrechen gerühmt, haben sie laut darüber gesprochen, haben sie auch nur annähernd die Zahl ihrer Opfer angedeutet - und wie sie umgebracht wurden? Oder wurde jedem, auch dem, der aus dem KZ wieder "frei" gelassen wurde, nicht absolut glaubhaft bedeutet, auf dem
schnellsten Weg umgebracht zu werden, wenn er auch nur einen Mucks über die Naziverbrechen weitergeben werde? Warum eigentlich haben die Nazis nicht ihre Vernichtungsstätten z.B. im Münsterland eingerichtet (zentralere Lage als im fernen Polen!), wenn Sie und andere doch offenkundig meinen, daß "die" Deutschen ach so gemeinsam die Taten begangen und gewollt haben? "Ethnisches Kollektiv"? Was soll das sein? Wer macht den "Versuch ihrer identifikatorischen
Aneignung"? Meinen Sie die Philosemiten? Die Gutmenschen in Deutschland? Geht es konkreter? Daß Robert Ley nach dem Machtverlust besseren Sinnes geworden ist, ist ja recht erfreulich - sollte man den Neonazis mal schriftlich geben. Nur - welchen Stellenwert hat das in Ihrem Beitrag? Auch ich freue mich, daß Juden heute zunehmend wieder nach Deutschland kommen, weil sie hier eine vernünftige Perspektive für ihr weiteres Leben erkennen - und ich hoffe ebenso, daß sie
eines Tages wieder Juden und Deutsche sein werden (meine alte Vorstellung). Vielleicht kommen wir so wieder zu etwas mehr und dann dauerhaften Frieden zwischen diesen beiden wichtigsten Teilen der deutschen Bevölkerung. Auch wenn die jetzt zu uns kommenden Juden keine deutsche Verfolgung erlebt haben sondern anderweitige. Doch was hat das mit dem Staatsbürgerschaftsrecht zu tun? Auf das geschriebene Recht kommt es doch nur sehr bedingt an (s. das Fehlen einer geschriebenen Verfassung in
GB): was dabei heraus kommt, mit Helmut Kohl zu reden, ist das Entscheidende. Vor 100 Jahren war es doch zunächst einmal wichtig, das Kleinstaaterei-Staatsbürgerschaftsrecht abzuschaffen - klar, in Frankreich, mit seinem schon so früh blutig herbeigeführten Zentralismus war das kein Thema. Die richtige Frage ist doch, wie künftig das Zusammenleben verschiedener Völkerschaften in einem Staat, in einer Gesellschaft, erfolgen soll, erfolgen kann. Wenn jeder für sich das Credo in Anspruch
nimmt "Ich bin ich - und will so leben" und dafür, unter dem Gebrüll unserer Gutmenschen, Toleranz einfordert? Streng religiös, verschleiert und maskiert bis in die Schule (als Lehrerin wie als Schülerin), die Jungs als Paschas, die ihre Lehrerin nicht akzeptieren (weil das in ihrem Zuhause auch nicht so ist), keine Teilnahme am Turn- oder Schwimmunterricht (weil Regeln, die wir längst als "mittelalterlich" überlebt erkannt haben, wieder zum Leben erweckt werden), wenn
unsere Sprache nicht gesprochen und nicht verstanden und nicht geschrieben wird, wenn unsere Kultur nur als eine unter vielen in unserem eigenen Land eingeordnet wird - usw. usw. Tatsache ist doch, daß das Zusammenleben ach so selbstbewußter Völkerschaften, gerade wenn sie religiös determiniert sind (und wo sind sie das nicht?!), sofort von tödlicher Intoleranz, allumfassender Unduldsamkeit geprägt ist, gekennzeichnet durch Haß, Menschenverachtung, Verfolgung, Diskriminierung - bis zum
tödlichen Ende. Da sollen wir zusehen? Das sollen wir "wollen", bejahen? In keinem Land funktioniert das - oder kennen Sie eines? Israel, unser Fast-Nachbar-Staat, ist lebendes Beispiel: fast 2000 Jahre sind die Juden nicht da gewesen, weil sie vor römischer Besetzung geflüchtet sind - aber die seit soviel Jahren dort lebenden Araber, gleich ob heute als Staatsbürger Israels oder als Palästinenser, werden erbarmungslos diskriminiert, verfolgt, entrechtet, erschossen. Frieden?
Im "heiligen Land"? Sprüche. Worthülsen. Aber noch einmal zu ihrem Tenor: nachdem Sie generell "die" Deutschen in Vollhaftung genommen haben, kommen Sie zum Schluß des Beitrages dann doch noch auf eine Eingrenzung: "... die entscheidenden Teile der deutschen Gesellschaft..." Aha, denke ich da, ganz neugierig geworden, doch nicht alle in Deutschland? Wer war nicht dabei, gehörte nicht zu den "entscheidenden Teilen der deutschen Gesellschaft"? Der
Schütze Arsch? Der Arbeiter? Der schon 1933 eingesperrte Kommunist, der ermordete MdR der Sozialdemokraten? Der Literat, der Dichter und Denker, dessen Bücher verbrannt wurden oder der "auf der Flucht erschossen" oder im fernen Ausland umgebracht wurde? All die vielen kleinen Widerstandskämpfer, bis zu den Edelweißpiraten, zu Elser und wie die vielen kleinen Namenlosen heißen, die wg. eines Führerwitzes den Gang aufs Schafott antreten mußten? Sie sind alle tot, sind immer noch
tot, für sie gibt es kein Denkmal, keine Rente, keine Ehre. Aber die starken, aufrechten Denker im Deutschland von heute tun alle Deutschen in einen Topf. Neonazis? Ungute Gefühle bei vielen Deutschen heute? Ich könnte mir vorstellen, wenn nach dem 8. Mai viele, ganz viele Nazis, Nazi-Verbrecher, Nazi-Nutznießer, Nazi-Steigbügelhalter bei den "Eliten" in der Wirtschaft, in der Justiz, im Staatsapparat, in den Universitäten, bei der Generalität, in der Ärzteschaft, in den
Kirchen als wirklich schuldig beim Namen genannt, dingfest gemacht, angeklagt, enteignet, an den Pranger gestellt - und auf ganz lange Zeit eingebuchtet worden wären: das wäre ein Neuanfang gewesen. Und die schlimmsten dieser Verbrecher an den Laternenmasten aufgehängt. Aber all das ist eben nicht passiert. Es gab starke Kräfte in der Nachkriegswelt, bei unseren Befreiern, diesen entscheidenden Stützen Adenauers, die hatten anderes mit uns vor - die Großen von gestern wurden schnell
wieder die Großen von morgen. Da wurden die "Eliten" wieder gebraucht - jetzt ging es, mit vereinten Kräften, gegen die Russen, die Soffjets, die Linken mit all ihren ungläubigen Atheisten. Und der kleine Mann, die kleine Frau? Die blieben, was sie immer waren: eben keine "entscheidenden Teile der deutschen Gesellschaft". Aber dafür trugen viele dieser einfachen Menschen an den Verbrechen, die Deutsche in so entsetzlich großer Zahl begangen hatten: sie schämten sich
wirklich. Doch was ist der "Dank" dafür? Jeder hergelaufene Denker unter den Nachgeborenen hält sich für berechtigt, jeden einzelnen Deutschen der Vergangenheit, der Gegenwart und vermutlich auch der Zukunft ohne Ansehen der Person, der Stellung und der Schuld zum verantwortungslosen Gesindel zu rechnen, zu den Unverbesserlichen, zu denen (Goldhagen!), die schon vor Jahrhunderten darauf gelauert haben, Juden zu killen... Am großdeutschen Wesen konnte die Welt nicht
genesen - aber am kleinmütigen der Heutigen auch wir nicht. Ich wünsche mir, habe aber keine Hoffnung, doch noch zu erleben, daß irgendwo mal ein Denker in unserem Lande aufsteht und ruft: "Gerechtigkeit, Himmel, für all die Deutschen, die keine Nazis gewählt oder gewollt haben, die keine waren, die selbige nicht unterstützt haben, die keine Macht und keinen Einfluß hatten, die nur Angst hatten - und eigentlich nur gute ehrliche Deutsche sein wollten". Eben: normale einfache
Menschen, wie die Schaffenden überall in der Welt. Und jetzt überlegen Sie mal, lieber Herr Loewy, wie viele das wohl sein mögen?" 9.10.2000 |