“Jetzt mal ehrlich”, liebe Frau Krone-Schmalz!

"Jetzt mal ehrlich" - ein offenes Wort über Ihr Buch

Seit Ihrer Moskau-Berichterstattung, verstärkt durch Ihr erstes Rußland-Buch, war ich ein ausgesprochener Fan von Ihnen, ich habe Sie bewundert und hoch geachtet. Und so war ich ganz begeistert, als meine Frau - genau aus diesem Grunde - mir Ihr Buch "Jetzt mal ehrlich" schenkte.

Was aber ist passiert - auch mit Ihnen? Ich war wechselweise sprachlos vor Zorn und Entsetzen. Was haben Sie sich nur bei diesem (Mach-)Werk gedacht? Eine solche Reise (bis auf wenige Ausnahmen) durch alle opportunistischen Dörfer? Und lauwarme Anbiedereien bei allen Meckerköppen dieser Republik? Ein entsetzliches, erschreckendes Werk, gemessen an Ihrer Persönlichkeit. Flott geschrieben - ja; in BILD auch sicher gut unterzubringen.

Doch möchte ich jetzt etwas ins Einzelne gehen.

Ihre ganze Denke ist falsch angelegt. Ich kenne aus Veröffentlichungen und Reden aus grünen Mündern, Bürger-Initiativen und dieser ganzen Richtung die goldige Formulierung "Wir Bürger verlangen/werden betrogen/ werden belogen". Genau das machen Sie auch. Ihr ganzes Buch ist durchzogen von "Wir Bürger" (strapazieren den Staat, die Sozialkassen, umgehen die Steuer, verkürzen selbige, erschleichen uns rechtmäßige und unrechtmäßige Vorteile, setzen Änderungen in den Gesetzen durch, setzen mächtige Lobbies in Marsch, verstopfen die Gerichte durch immer neue Klagen um vorteilheischende Gesetzesinterpretationen, verfolgen Ärzte mit Schadenersatzforderungen, Streithanseleien und Rechthabereien usw. usw.

Ich bestreite nicht im mindesten, daß es all dieses gibt - in erschreckendem Umfang: Egoismus und Scheinheiligkeit pur. Staat, Gesellschaft und Gemeinsinn werden lahmgelegt, der Staat (als Synonym für Gemeinschaft, Schutz, Sicherheit, Macher von Wohlfahrt und Gerechtigkeit, Einnehmer und Ausgeber von Geldern aller Art) ausgelaugt wie eine Zitrone. Aber durch wen denn eigentlich? Durch die Masse der Machtlosen, Einkommenslosen, Besitzlosen, Arbeitslosen, Juristisch-Bildungslosen, Durchsetzungs-Unfähigen (und -Ungeübten, zum Finanzieren mangels Masse auch gar nicht aufgelegten) im Kampf gegen die Mächtigen in der Gesellschaft, Wartezimmer-geschädigten treuen Dulder, die sogar überwiegend ihre Ärzte schätzen??

Oder sind es nicht viel mehr die Kreise, in denen Sie sich bewegen? Die Gäste der Party, bei der Sie zu Gast waren und über die Sie berichteten? Mit den Doktoren (aller Art) und Direktoren, den Geschäfts- und sonstigen Führern, den Vorständen und Drahtziehern, den ("richtigen") Presse-Menschen, Abgeordneten, Ministern und Lobbyisten?? Die, bei denen Steuerverkürzung - legale und illegale - eine lohnende, selbstverständliche und alltägliche Tat ist - und für die man teures Fachpersonal engagiert oder einsetzt, selbstverständlich auch wieder auf Kosten "der Steuer"? Womöglich mit Spezialberatung beim Herrn Minister usw. usw.?

Das sind doch Unterschiede, die es zu machen gilt, wenn "man" nicht intellektuell unehrlich agieren will. Weil diese Herrschaften - und ihre Nachbeter - so sind, und weil so verdienstvolle Leute wie Sie selbst in diesem Chor mitbrüllen, ist die Gesellschaft, überspitzt formuliert, doch so verkommen (= auf den Hund gekommen), wie sie ist. Der Anteil der "kleinen Leute" daran entspricht etwa deren Anteil an Einkommen und Vermögen und Macht in diesem Lande (das ich persönlich im Übrigen bis zur letzten Klaue verteidige).

Das ist doch die Realität. Oder? Ich kann mir nicht vorstellen, daß Ihnen nicht aufgegangen sein sollte, was unsere Gesellschaft für ein verlotterter Haufen ist, um das mal ganz wütend (alt-preußisches Denken oder den guten alten Kant im Hinterkopf) so auszudrücken.

Warum aber schreiben Sie dieses schreckliche Verlegenheitsbuch? Ich kann mir nicht vorstellen, daß ausgerechnet Ihnen nichts besseres einfallen sollte. Dann müßte ich fast verzweifeln an der schreibenden Zunft. Und "den Intellektuellen". Direkt nach "Jetzt mal ehrlich" habe ich - mit einem deutlichen Zögern - Ulrich Wickerts "Der Ehrliche ist der Dumme" gelesen. Da bin ich aber nun wirklich vollauf begeistert - über den klaren Blick auf das Ist und die Gründe dazu, über die ebenso klaren Positionen, die der Verfasser ohne Wenn und Aber einnimmt, über die Vorschläge, die er macht. Mein Fazit: Ulrich Wickert hat damit wirklich etwas zu sagen - ich verstehe ihn, bescheiden wie ich bin, als Vordenker und Vorbild für mich persönlich.

Und als Überleitung zum Abschluß noch ein wenig Fleisch, das meinen Zorn über Ihr Buch ein wenig konkretisiert...

"Die FDP ist im Verschwinden begriffen, weil die Deutschen mit Freiheit nichts anzufangen wissen." Das ist nun wirklich starker Tobak... der leider die ganze weitere Gangart einläutet - bei der im weiteren Verlauf ausgerechnet Möllemann zum geheimnisumrankten Vordenker mutiert.

Schleier bei islamischen Mädchen in der Schule: "Ich weiß in diesem Fall nicht genau, was richtig ist. Ich weiß es einfach nicht." Da müssen Sie sich wohl entscheiden, wie wir alle (gleich, ob in Frankreich oder hier), da es hierbei eben nicht um eine Kleidungs-, Stil- oder Modefrage geht, sondern um die Frage von vollkommener Intoleranz, religiös bedingt - wie sonst? Wir haben unser eigenes Mittelalter noch nicht richtig überwunden (und das hat viel Blut, Schweiß, Kummer, Angst und Verstümmelungen gekostet) - und da sollen wir im Namen der Toleranz neue Kotaus ermöglichen, ja bejahen? Nein - das ist die einzig mögliche Antwort. Im Namen der Menschenrechte, des Humanismus und der Menschen, die das nicht sagen dürfen/mögen/können - sich nicht trauen wg. gesellschaftlichem Druck. Sie aber haben die Pflicht, sich zu entscheiden und Position zu beziehen.

Was Sie zu den Ärzten und ihrem Honorargebahren (ich nenne es so, Privatpatient) sagen, ist ja wunderbares Blendwerk, eine ganze Batterie von Nebelwerfern. Die armen Ärzte, weil sie so schrecklich verfolgt werden (Sie reden von Deutschland, wohlgemerkt!), müssen sich doppelt und dreifach absichern, alle Untersuchungen vielfach machen - auf Kosten der Krankenkassen und Krankenversicherungen? Von welchen "Freunden" haben Sie eigentlich dieses Wissen? Mit unserer Realität hat das nun wirklich nichts zu tun. "Apparate-Medizin" - und die darauf aufbauenden Bereicherungsmöglichkeiten durch beliebig ausweitbare Labor-Untersuchungen - ist für Sie auch kein Begriff? Und was Sie zum Schadenersatz durch wartende Patienten ausgegraben haben, kann kaum für sich in Anspruch nehmen, repräsentativ zu sein. Oder?

Hält die von Spielhofer kolportierte "wahre Geschichte" einer Nachprüfung stand? Bei von Ihnen benannten 10 Md. DM Kohlesubvention müßte diese wundersame Firma der Zigarettenindustrie vermutlich gut 20 Md. DM zu versteuernden Gewinn gemacht haben? Wie groß müßte dann erst einmal der Ertrag oder gar der Umsatz gewesen sein?

"Es ist mies, solche Menschen mit antiquierten Gewerkschaftsparolen aufzuhetzen...." - Pardon, wo leben gnä' Frau eigentlich? Ihren geißelnden Zorn sollten Sie da doch eher auf Stellen richten, die die Ursachen von Miseren sind.

Und beim Bundeskanzler stellen Sie einen "nicht unsympathischen Schuß Selbstkritik" fest? Fein, da müssen Sie aber wohl die hellsichtigste von allen in diesem unseren Lande sein.

Das - grundsätzlich sehr notwendige - Lamentieren über öffentliche Verwaltungen ausgerechnet mit dem Entfernen von Wand-Putz untermauern zu wollen, geht doch reichlich fehl. Der, der das veranlaßt hat, hätte sich lieber vom "Mannesmut vor Königsthronen" leiten lassen sollen. Und die Tat verweigern.

Sie heben "die Privatwirtschaft" lobend hervor? Wie das? Da gibt es genauso viel Mißwirtschaft, Dummheit und Durchstecherei wie in den so oft gescholtenen öffentlichen Verwaltungen. Oder?

Stiftungen von bekannten Geld-Machern? Wo träumen Sie eigentlich? Diese Stiftungen dienen bis auf wenige Ausnahmen (Reemtsma!) eben nicht dem Gemeinwohl, sondern sind sog. legale Mittel der Steuerverkürzung. Warum nur schreiben Sie diesen Ihren Unsinn??

Und die sozial Schwachen einer Gemeinde wollen Sie wieder dem Wohl und Wehe des Gutsherrn, Pardon, den sozial Starken der Gemeinde überantworten? Kommt Ihnen da keinen Augenblick der Gedanke, wie schrecklich reaktionär (Synonym auch für "dumm") das ist??

Sie empfinden die "Besteuerung von Erbschaften als Unverschämtheit"? "... moderne Form des Raubrittertums", "Der Staat vergreift sich...": Warum schreiben Sie nicht, daß es gerade bei überschaubaren Erblässen und engsten Familienangehörigen um Pfennige geht? Warum kommt Ihnen kein Gedanke, daß so manches dieser zu vererbenden Vermögen durch modernes Raubrittertum, durch Betrug, Ausbeutung und Steuerbeschiß zustandegekommen ist?

Steuergerechtigkeit durch Verbrauchs-Steuern? Gleich noch mehr Umsatzsteuern? Das ist nun wirklich Realsatire. Und daß das Streben nach Steuergerechtigkeit "sozialistisch  angehauchtes Umverteilungsdenken" ist, wie auch die Weisheit, daß sich Erbschafts- und Schenkungssteuern "als Irrtum herausgestellt haben", das ist das Denken, das den Machern, den Oligarchen einer Bananenrepublik adäquat ist, nicht aber einer vermeintlich konstruktiven Institution wie dem Steuerzahlerbund - der allerdings auch nur der  Honoratiorenbund der Besitzenden ist. Damit machen Sie sich des Langen und Breiten gemein? Oh, Desdemona, hättest du geschwiegen.... Oder m.a.W. warum bewundern Sie nicht direkt die US-amerikanische Spielart der gelebten Menschenwürde? Das könnte doch viele Seiten sparen.

Daß Sie Steuerhinterzieher mit Wohnsitz im Ausland oder mit entsprechenden Ministerkontakten in Schutz nehmen, muß da wirklich nicht mehr verwundern. Handwerklich unsauber ist, wenn Sie von der steuerlichen Absetzbarkeit von Schuldzinsen schreiben - ohne dabei zu erwähnen, daß diese Möglichkeit (heute immerhin) nur noch den Betuchten vorbehalten ist.

"Budgetierung im Gesundheitswesen ist ... sozialistische Planwirtschaft": Donnerwetter, wer hätte das gedacht. Das kann direkt beim Verband Freier Zahnärzte abgeschrieben sein. Gratuliere, brave journalistische Leistung. Daß der "drangsalierte" Berufsstand der niedergelassenen Ärzte "irgendwie aus der sozialen Marktwirtschaft rausgefallen ist", lese ich zum ersten Male überhaupt. Danke für diese Erkenntnis. Vielleicht gründen andere in dieser Gesellschaft, die noch nicht dem Sozialismus in diesem Lande zum Opfer gefallen sind, eine Stiftung?? Vielleicht die Tennis-Cracks, die in wenigen Stunden Spiel mal eben eine halbe Million verdienen - oder auch viel mehr. Und darauf nicht die gesetzliche Steuer zahlen wollen.- Aber in einem Punkte möchte ich vielleicht doch nicht ganz widersprechen, wenn Sie "manche Zahnärzte ... bis an den Rand des Faschismus radikalisiert" sehen.

Klar erkennbarer Unsinn wird kolportiert, wenn Sie den redseligen Dampfplauderer Kossow zitieren, daß die PKV 15% (wovon?) "verbraucht, um unberechtigte Leistungsansprüche abzuwehren". Und wenn "35% ... weg sind", wie können dann 75% überbleiben? 5% in die Rückstellung - 5% als Gewinn verbucht? Warum fragen Sie nicht einfach mal beim Verband der PKV nach und lassen sich aufklären?

Viele Beispiele ließen sich noch anführen, die lebendigste Kritik rechtfertigen - ich schenke mir das. Bleibt mir nur der Schlußgedanke: warum unterstellen Sie allen Stellen, die in Staat und Gesellschaft (einschl. Sozialversicherung) notwendige Regelwerke aufstellen, daß alle dumm und borniert sind? Und daß alle Aufgeklärten in deutschen Landen doch eigentlich nur auf die Weisheiten Ihrer Gesprächspartner warten müßten?

Liebe Frau Krone-Schmalz - Ihr Buch ist leider ein ganz ärgerliches Traktat. Wenn Sie ein Politiker wären, würde ich fragen, wer hat ihr diesen Text geschrieben - und würde Sie für diesen baren Unsinn nicht verantwortlich machen mögen. Aber so? Schade, es ist wirklich ein großer Jammer - abgesehen davon, das vieles trotzdem ausgezeichnet ist. Für diesen Teil... danke ich Ihnen.

23.5.1996

Ausgangspunkt: “Jetzt mal ehrlich.” Ein Traktat von Gabriele Krone- Schmalz über die angebliche Anspruchshaltung der deutschen Gesellschaft.

Enttäuschte Liebe (des Lesers) - oder: was dabei heraus kommt, wenn eine bekannte Autorin sich, effektheischend,  in populistische Gewässer begibt.

Merke: in jedem trüben Gewässer fischen schon andere...

Der Zeitgeist ist eben überall. Und lobt sich gegenseitig. Man hat die Macht des Wortes, die Definitionsmacht.

Am Anfang war das Wort? Nun - mittendrin aber auch.

Der Briefwechsel wurde mit einem wütenden Contra und Ré fortgesetzt.