Martin Walser: “Tod eines Kritikers”

Ein Sturm der heuchlerischen Entrüstung brauste durch das Land: der deutsche Antisemitismus lebt! Und ist hoffähig. Wird ausgerechnet am honorigen Martin Walser festgemacht. Und am Windhund Möllemann.

Entsetzen packt den gewöhnlichen Deutschen (ich denke u.a. an mich!), der noch weiß, wie damals die Eliten dieses Landes, die wirtschaftlichen, die politischen, aus der Justiz und von den Universitäten der Weimarer Demokratie feindlich, ablehnend und mit der Absicht auf Änderung, Abschaffung, gegenüberstanden. Das soll sich nicht wiederholen. Und so passen sie heute auf, die sich jetzt für die Elite des Landes halten: schreien gequält auf, krümmen sich vor Phantomschmerzen, sehen das braune Gesocks die Stiefel wieder wichsen. Was war so Schröckliches passiert?

Martin Walser, 75, eigenwilliger Denker und Literat, nicht immer mit dem Strom agierend, hat über den Literaturbetrieb nachgedacht - diesen leibhaftig gemacht an der Person des deutschen Großkritkers MRR (den ich persönlich durchaus mag: als Phänomen, als Mensch, der sich von all den braunen Nazis und Anpassungsartisten die schier unendliche Liebe zur deutschen Literatur und Musik durch nichts hat nehmen lassen). MRR ist zu einer Institution geworden in der deutschen Literaturkritik, zu einer durchaus auch wirtschaftlich machtvollen im Literaturbetrieb: sein Verriß hat manches Buch in den Orkus der Bedeutungslosigkeit geschubst, manchmal war der Verriß (eines Autors oder eines Buches) aber auch wie eine Raketenstarthilfe. Der “Tod eines Kritkers” wurde ein großer wirtschaftlicher Erfolg, das Buch hat Wochen vor seinem Erscheinen die öffentliche Diskussion beherrscht. Und die Gutmenschen unter den gesellschaftlichen Aufpassern forderten das Verbot dieses Buches schon vor seinem Erscheinen. Immerhin: ein Scheiterhaufen für das Werk oder gar den Autor wurde nicht verlangt...

Aber: was war denn wirklich los, mit dem Buch?  Martin Walser ist nicht gerade einer der Lieblingautoren von Marcel Reich-Ranicki. Und dieser MRR macht das auch immer wieder deutlich, in seiner bekannt rücksichtsvollen Art, die jedem Kritisierten bekanntlich das Gesicht läßt. Martin Walser, haben manche Beobachter erkannt (und dem schließe ich mich an) respektiert den jetzt durch ihn so kernig Verrissenen als reale, als im Wortsinne wirkliche Institution, deren Werturteil, so es denn positiv ausgefallen wäre, ihm viel bedeutet hätte: gewissermaßen die höchste Krönung für sein Werk, sein Leben. Nun war es aber nicht so - und MRR wollte auch bei dem dann 75-jährigen Martin Walser noch immer nicht freundlich blinzeln, dem Autor nicht zeigen, daß er, der Kritiker, ihn, den Autor, letztlich doch respektiert, vielleicht,  wegen seiner Eigenwilligkeit, sogar (ein wenig?) schätzt.


Nein, da wurde nix draus. Und so hat Martin Walser eine “Abrechnung” gemacht, die den durchaus nicht fiktiven Großkritiker in “unerhörter”, ja geradezu despektierlicher Weise in den Mittelpunkt zerrt: er gießt Hohn und Ironie über den Kritiserten aus, macht sich lustig über den ganzen Literaturbetrieb mit all seinen kleinen mitlaufenden Persönchen, Skandälchen, Traktätchen, über Klatsch und Intrigen, über aufgeplustertes selbstverliebtes Agieren der vermeintlichen In-Leute. Eine Farce wird beschrieben - wenn man will, auch ganz vergnüglich zu lesen. Von Belang jedoch nur für die Leut’ im Literaturbetrieb - mit dem real-existierenden Leben hat das ohnehin nichts zu tun.


Das beschriebene Geschehen ist bedeutungslos - ungefähr wie der bekannte Sack Reis, der in China umfällt.
Was aber haben unsere immer hellwachen Gutmenschen daraus gemacht? Sie haben einen Lebensbestandteil von MRR, nämlich daß er ein jüdischer Deutscher ist, auf den beschriebenen Ehrl-König projiziert mit der Absicht, diesen damit aus dem realen Buch herauszulösen und auf ein hohes Podest, gemauert durch die Philosemiten, zu stellen - sie machen ihn zu einem, der, wegen seines Schicksals, nicht kritisiert werden darf. Der außerhalb des widrigen Lebens steht, dem wohl nur in huldvoller Weise sich genähert werden darf. Kritik an einer Person, die auch jüdischer Deutscher ist, sagen die Philos in unserer Mitte, ist vor allem, nein: ausschließlich Kritik an “den” Juden. Und hat zu unterbleiben, ist bösartig, ist antisemitisch. Im Buch gibt es nichts Antisemitisches, spielt das Semitische oder das Anti nicht die leiseste Rolle - weil es darauf bei der Person des kritisierten Kritikers nicht ankommt, sondern auf seine Rolle im realen Literaturbetrieb. Und sonst nichts. Und die dort beschriebene Rolle ist der realen Rolle des realen MRR  wirklich ganz liebevoll-bewundernd (das sage ich mit vollem Bewußtsein!) nachempfunden.

Wäre unsere geneigte Öffentlichkeit und, das sei hier mit Bedauern gesagt, auch der große Marcel Reich-Ranicki, souverän gewesen, dann hätte man unschwer in dem so viel geschmähten Buch von Martin Walser eine kaum verhüllte Liebeserklärung an MRR entdecken können - mindestens aber eine verstohlene Respektsbekundung für den Großen. Durch den zwar nicht Kleinen, aber durch einen, der zu gern auch einmal die Anerkennung durch den Großen empfunden hätte.

Schade drum. MRR ist zu selbstverliebt, als daß er das hätte erkennen können. Ein Jammer.

6.10.2002