Niall Ferguson: “Der falsche Krieg - Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert”

Der Autor, Jahrgang 1963, Professor für politische und Finanzgeschichte in Oxford, widmet sich u.a. eingehend der Kriegsschuldfrage. Er nimmt dabei, eingehend belegtes Quellenstudium ist eine Selbstverständlichkeit, Abschied von der grundlegenden These im deutschen Inland wie im Ausland, daß das Deutsche Reich die alleinige Schuld am WK 1 zu tragen habe: dank Großmannssucht, Weltmachtstreben, das britische Empire provozierende Überrüstung - mit einem verantwortungslosen Kaiser an der Spitze.


Er sieht die Dinge wesentlich differenzierter, schaut tiefer - und sieht eben, wie die Verhältnisse wirklich waren. Ferguson macht keinen Hehl daraus, daß das Reich in der Tat eingekreist war, tödlich bedroht von einer Vielzahl von Feinden, die laufend stärker wurden - ganz im Gegensatz zur Mittelmacht Österreich-Ungarn, deren Niedergang erkennbar bereits begonnen hatte. Und er läßt auch keinen Zweifel daran, daß all die Gegner des Reiches, darin den kriegslüsternen kleinen Balkan-Mächten sehr wohl ähnlich, jederzeit bereit waren, einen Angriffskrieg gegen Deutschland zu führen, wenn man die Gelegenheit für günstig halten würde.

Liest man die Erkenntnisse dieses Autors, dann erscheint - mit dem Autor - der Präventivschlaggedanke der damaligen Führung in einem durchaus risikogemäßen Zusammenhang. Eben aus der Not geboren. Nicht aus Übermut oder Dummheit. Auch von Kriegslüsternheit des Reiches kann kaum noch die Rede sein, wenn man Ferguson aufmerksam liest.
Müssen die Deutschen von heute von einer unverzichtbaren Lebenslüge Abschied nehmen? Das Deutsche Reich nicht der große Schuldige am WK 1? Ferguson findet keinen Raum mehr für Fritz Fischer und seine Alleinschuldthese - oder Imanuel Geiss, der die “deutsche Schuld” in einen lang andauernden historischen Rahmen gestellt hat. Wir sollten nachdenken. Über uns selbst. Über unsere Geschichte. Nicht alles ist so, wie es vertraut zu sein scheint.
Ob unsere Gutmenschen diesen Schlag überstehen werden?
18.5.2001