Abstraktes Wissen wird vor Ort lebendig
Geschichtswerkstatt erforscht Rolle der Landräte in der NS- Zeit/Ergebnisse werden im März präsentiert

Von Katja Irle

Seit einem halben Jahr ist die vhs-Geschichtswerkstatt der NS-Zeit im Main-Taunus-Kreis auf der Spur. Um die Rolle der beiden Landräte Dr. Ernst Janke und Dr. Franz Brunnträger zu beleuchten, tragen sie in den Archiven Mosaikstein um Mosaikstein zusammen. Im März sollen die Ergebnisse präsentiert werden.

MAIN-TAUNUS-KREIS. Wären Akten immer gleich Fakten, dann hätte die Geschichtswerkstatt in Windeseile die Historie des Landratsamts während der NS-Zeit dokumentieren können, denn die Dokumente aus dem Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, dem Geheimen Staatsarchiv in Berlin und den Stadtarchiven des Main-Taunus-Kreises füllen mittlerweile mehrere Ordner. Doch die Geschichtsschreibung ist auch im Main-Taunus- Kreis ein mühsames Handwerk. „Es gibt keine endgültigen Antworten. Man muß immer wieder von vorn anfanget zu fragen", berichtet Sabine Uhmann aus Kriftel. Das Aktenstudium habe ihr vor allem die Alltagsgeschichte näher gebracht. „Ich hatte ein sehr abstraktes Wissen über die NS-Zeit", sagt die Teilnehmerin. Es sei aber ein ganz anderer Zugang zur Geschichte, wenn sich das Wissen plötzlich mit konkreten Personen, Straßen und Orten anreichere.NS-Landräte MTK 1933 - 1945

Im Mittelpunkt der Recherchen, die von der Frankfurter Historikerin Anna Schmidt   und   vhs- Fachbereichsleiter Ulrich Kallbach geleitet wird, stehen die beiden NS- Landräte Ernst Janke und Franz Brunnträger. Die Porträts der beiden Verwaltungsmänner hatten über Jahrzehnte hinweg ohne Kommentar die Bildergalerie der Landräte im Kreishaus geschmückt. Nachdem die Frankfurter Rundschau über die Vergangenheit Jankes und Brunnträgers berichtet hatte, ließ Landrat Berthold Gall (CDU) die Bilder entfernen. Der Kreistag beschloß, eine Geschichtswerkstatt einzurichten, um die Rolle der NS-Landräte zu erforschen.

Der Verwaltungsjurist Janke war von 1933 bis 1939 Landrat. Er kam für den Sozialdemokraten Wilhelm Apel ins Amt, den die Nationalsozialisten bereits am 13. Februar 1933 von seinem Posten vertrieben - gerade mal zwei Wochen, nachdem Hitler Reichskanzler geworden war.

Der IG-Farben-Chemiker Brunnträger, der ein überzeugter Nationalsozialist war, löste Janke 1939 als Landrat ab. Im Geheimen Staatsarchiv in Berlin fand die Geschichtswerkstatt jedoch Akten, die auf einen Machtkampf zwischen Janke und Brunnträger um das Landratsamt im Jahr 1933 hinweisen. Die Auseinandersetzung offenbart nach Ansicht der Historikerin Anna Schmidt exemplarisch den für die NS-Zeit typischen Konflikt zwischen Staat und Partei: Während der bekannte Frankfurter Gauleiter Jakob Sprenger seinen Parteifreund und „alten Kämpfer" Brunnträger protegierte und bereits 1933 ins Amt hieven wollte, hielt das Preußische Innenministerium an dem parteilosen Janke fest.

Zwar fand die Geschichtswerkstatt bislang keinen Hinweis darauf, dass auch, Janke später in die NSDAP eingetreten ist, die Berliner Akten zeigen jedoch, das? er sich auf dem Höhepunkt des Machtkampfes zwischen ihm und Brunnträge, darum bemüht hat. In einem Brief an da Innenministerium schreibt Janke, dass er „nach Aufhebung der Sperre" in die Partei eintreten werde (die NSDAP hatte zu diesem Zeitpunkt einen Aufnahmestopp verfügt).

Ob Opportunismus ihn zu diesem Schritt bewog oder nicht, Janke stand, wie er selbst formulierte, „ganz auf dem Boden der nationalsozialistischen Staats- und Weltanschauung". In dem Brief ans Innenministerium schreibt er weiter: „Ich trete freudig und mit meiner ganzen Kraft für den nationalsozialistischen Staat ein und kann wohl behaupten, dass es in erster Linie meinem Einfluß zu verdanken ist, dass fast alle Einwohner des politisch so zerrissenen Kreises sich heute zu dem neuen Staat bekennen."

FR 30.1.2001

 

„Ich lege Wert darauf, dass der Kreis judenfrei wird"
Geschichtswerkstatt legt Dokumentation über Verstrickung von zwei Main-Taunus-Landräten ins NS-Regime vor

Von Katja Irle

Waren sie machtlose Befehlsempfänger oder willige Vollstrecker von Zwangsmaßnahmen? Die Geschichtswerkstatt der Volkshochschule im Main-Taunus-Kreis hat eine Dokumentation über die Rolle der NS-Landräte Ernst Janke und Franz Brunnträger vorgelegt. Die Publikation zeigt exemplarisch ihre Verstrickung in das nationalsozialistische Unrechtsregime.

MAIN-TAUNUS-KREIS. Es war ein Mann aus Oberreifenberg, den die Polizei 1933 wegen eines „Sittlichkeitsverbrechens" verhaftete. Aus dem dürren Schreiben des Landrats Ernst Janke an das Polizeipräsidium Frankfurt geht nicht hervor, welches Delikt man ihm vorwarf. Klar wird nur, dass „das Verfahren gemäß § 51 StGB eingestellt wurde" und der Mann aus der Untersuchungshaft entlassen werden sollte - Anlaß für den Main-Taunus-Landrat, auf „polizeiliche Schutzhaft" zu bestehen, da sonst „bei seiner Rückkehr nach Oberreifenberg unter der Bevölkerung Unruhe entstehen und er mißhandelt würde". Für den zuständigen Kreisarzt fügte Janke noch einen handschriftlichen Vermerk hinzu: „(...) der Kerl muß doch in eine Anstalt, sonst richtet er sicher weiteres Unheil an."

Was „Anstalt" in nationalsozialistischer Zeit bedeutete, ist durch die historische Forschung hinreichend belegt. Angeblich Geisteskranke wurden in Aufbewahrungsanstalten und Heime verfrachtet, viele von ihnen starben dort an Entkräftung oder wurden umgebracht, weil ihr Leben nach Nazidefinition nichts wert war.

Der Brief Jankes an das Frankfurter Polizeipräsidium, den die Mitarbeiter der vhs-Geschichtswerkstatt bei ihren Recherchen im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden fanden, ist nur eines von vielen Dokumenten, die die Position der Verwaltungsmänner während des Nationalsozialismus im Main-Taunus-Kreis beleuchten. Welche Rolle die Landräte bei der Durchführung von Zwangsmaßnahmen im NS-Staat spielten, welche Spielräume sie hatten und wie sie sie nutzten - diesen Fragen ist die Gruppe ein halbes Jahr lang nachgegangen. Der Kreistag hatte die Geschichtswerkstatt nach kontroverser Debatte über die NS -Vergangenheit ins Leben gerufen. Denn über Jahrzehnte hatten die Porträts Jankes und Brunnträgers ohne Kommentar in der Ahnengalerie des Kreishauses gehangen. Nach Berichten in der Frankfurter Rundschau ließ Landrat Berthold Gall (CDU) die Bilder entfernen.

Etliche Aktenmeter haben die Laien unter Anleitung der Frankfurter Historikerin Anna Schmidt und des vhs-Fachbereichsleiters Ulrich Kallbach durchforstet und ausgewertet. Das Ergebnis zeigt die Verstrickung der Amtsträger in die Machenschaften des Unrechtsstaats: In „steter Fühlungnahme" mit den 1934 eingerichteten staatlichen Gesundheitsämtern sorgten sie beispielsweise für die Umsetzung der NS-Rassenpolitik. In Kooperation mit der Gestapo waren die Landräte als Kreispolizeibehörde an der Deportation der Juden beteiligt.

Ein Schreiben, das Franz Brunnträger (Landrat von 1939 bis 1945) besonders belastet, fand die Geschichtswerkstatt bei den Spruchkammerakten im Hessischen Hauptstaatsarchiv. Darin weist der überzeugte Nationalsozialist die „Herren Bürgermeister" im Main-Taunus-Kreis an, die „Judenauswanderung" weiter voran zu treiben: „Ich lege Wert darauf, dass der Main-Taunus-Kreis, dessen Juden-Bestand sich schon erheblich vermindert hat, in absehbarer Zeit völlig judenfrei wird und erwarte,, dass auch Sie alles Erforderliche dazu beitragen. Vor allem sind die Juden selbst zur baldmöglichsten Auswanderung fortgesetzt und schärfstens anzuhalten."

Angesichts dessen erscheint die Spruchkammerakte Brunnträgers, der 1945 verhaftet, drei Jahre interniert und dann als Mitläufer eingestuft wurde, auf den ersten Blick als Kuriosum: Schreiben von Entlastungszeugen (auch jüdischen) finden sich darin, die dem alten Kämpfer ein tadelloses Verhalten attestieren. Die „Persilscheine" sind typisch für die Entlastungsstrategien ehemaliger Nationalsozialisten nach dem Zusammenbruch 1945: Nachbarn und Bekannte bescheinigten den NS-Funktionären darin in der Regel ein „anständiges" Privatleben; über deren Rolle in Partei und Staat sagte das wenig aus.

Die Akten der Geschichtswerkstatt belegen, dass die Landräte auch bei der „Arisierung" jüdischen Vermögens eine wesentliche Rolle spielten. Am 12. Januar 1939 schickte der damalige Hofheimer Bürgermeister der „sehr geehrten gnädigen Frau" Emma Kopp einen Kaufvertrag für eine Villa im Rödersteinweg 4 in Hofheim zu. Die Frau jüdischer Herkunft wurde schließlich gezwungen, Haus und Grundstück weit unter Wert an den Main-Taunus-Kreis zu verkaufen.

Der Kaufvertrag trägt die Unterschrift Ernst Jankes, sein Nachfolger Brunnträger hat sogar persönlich von der „Arisierung" profitiert: Der Landrat und seine Familie nutzten die herrschaftliche Villa fortan als Dienstwohnung. „Die Kopp", wie Brunnträger die um ihren Besitz gebrachte Frau in einem Brief einmal nannte, starb 1941 in Hofheim. Die Nationalsozialisten hatten ihr Vermögen konfisziert. Zum Schluß „gewährten" sie der Schwerkranken monatlich 350 Reichsmark zum Leben.

FR 22.3.2001

Im Hintergrund
Brauner Fleck in der Ahnengalerie

MAIN-TAUNUS-KREIS. Seit einem halben Jahr klafft eine Lücke in der Ahnengalerie des Kreishauses in Hofheim: Nachdem die Porträts von Ernst Janke (Landrat von 1933 bis 1939) und Franz Brunnträger (Landrat von 1939 bis 1945) über Jahrzehnte hinweg ohne Kommentar die Bildreihe schmückten, hatte Landrat Berthold Gall (CDU) die Fotos nach Presseberichten abhängen lassen - und löste damit eine kontroverse Debatte im Main- Taunus- Kreistag über die braune Vergangenheit aus. In „vorauseilendem Gehorsam" habe er gehandelt, warf der mittlerweile aufgelöste rechtspopulistische Bund Freier Bürger (BFB ) dem Landrat damals vor. Die anderen Fraktionen im Kreistag beschlossen jedoch unisono, 10000 Mark zur Verfügung zu stellen und die Geschichtswerkstatt einzurichten.

Der Dokumentation soll nun eine weitere historische Ausarbeitung folgen. Auch für den Kreistag ist das Thema nicht erledigt. Die NS-Geschichte dürfe nicht ausgeblendet werden, sagt Gall. Deshalb werden die Bilder von Janke und Brunnträger wohl als kleine Porträts ins Kreishaus zurückkehren - versehen mit Textpassagen, die an das dunkle Kapitel ihrer Amtszeit erinnern.                           ki

FR 22.3.2001