Die Nazizeit ist vorbei - war’s das?

55 Jahre sind seit dem Kriegsende vergangen. Die meisten Nazis sind kurze Zeit nach dem Ende ihrer furchtbaren Herrschaft bald wieder in Amt und Würden gewesen, haben ihre arisierten Reichtümer behalten, ihren Grundbesitz ebenso, ihre Macht, jetzt demokratisch geadelt. Alle Positionen standen ihnen im neuen Staat Bundesrepublik Deutschland wieder offen - galten sie doch bei den staatstreuen Mächten als ebenso staatstragende Kräfte, auf die nicht verzichtet werden konnte. Sie übernahmen wieder höchste Positionen nach dem bekannt gewordenen Motto: “Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.” Das sagte Filbinger, weiland Marine-Militärrichter, an furchtbaren Urteilen beteiligt, später Ministerpräsident. Die Richtschnur für viele?

Die Naziverbrechen wurden und werden dem ganzen Deutschland und dem ganzen deutschen Volk angelastet  - bis heute. Nutznießer der Nazizeit war nicht “das Volk”, sondern eine kleine Schicht von Gesinnungslumpen, die sich schamlos bereichert hat. Viele Deutsche haben dann mitgebrüllt, bei all den “Erfolgen”, den Respektsbekundungen gerade auch durch das Ausland. Die Nachgeborenen, die es naturgemäß leicht haben, streng (und selbstgerecht?) zu urteilen, lassen die Nazi-”Volksgemeinschaft” zur angeblichen Realität werden - zu einer Realität, an die selbst Joseph Goebbels nicht geglaubt hat.

Haben das deutsche Nachkriegsvolk, die Bundesregierungen, die Politiker, die staatstragenden Kräfte, die Verantwortungsträger und moralstarken Prediger sich aber jemals ernsthaft darum gekümmert, Unrecht materiell wieder gut zu machen, sofern man das überhaupt kann? Wiedergutmachung für die unterdrückten Völker im Osten, denen die deutsche Militärmacht die Länder, Häuser und Höfe, Kulturgüter und materiellen Güter brutalst zerstört hat - neben dem millionenfachen Mord? Wiedergutmachung für die Zwangsarbeiter, die ehemaligen, die das Inferno in Deutschland überlebt haben?

Erst durch angedrohte Sammelklagen in den USA ist Bewegung aufgekommen - man, die Wirtschaft, fürchtete materiell schädliche Rechtsfolgen, Export- und Gewinneinbußen, sollte man weiter die Ohren zuhalten. Da gab es dann mühsam gebastelte Konzepte, steuerbegünstigt wie eh und je - und nach schier unendlichen Prozeduren war der vereinbarte Betrag beisammen: 75% zahlt der Staat, der Steuerzahler also. Gerecht verteilt sollen die Lasten doch sein - oder?

Erst durch die skizzierten Umstände kam dann auch Stückchen für Stückchen heraus, daß viele unserer Städte und Gemeinden, Archive und vergessenen Keller noch ganz konkrete Informationen über die damaligen Zwangsarbeiter (und: selbstverständlich, auch Zwangsarbeiterinnen in großer Zahl) haben - vieles davon ist auswertbar. Erstaunlich, daß so vieles nach so langer Zeit noch vorhanden und lesbar ist, wo sich doch alle Nazi-Welt gegen Ende der Nazizeit bemühte, möglichst alles zu vernichten, auch die kleinste Spur. Unser Glück: die damaligen Täter waren nicht perfekt.

Archivare haben in Hessen getagt (Darmstadt und Florstadt). Sie tauschten sich fachlich aus, stellten öffentlich fest, daß doch eine ganze Menge an Daten an den verschiedensten Stellen vorhanden ist - und beklagten sich über das fehlende Geld, um die möglichen und gebotenen Nachforschungen zügig durchführen zu können. Schande über uns - das ist ein Skandal, der im richtigen Kontext gesehen werden muß.

Viele Stellen werden beim “Graben” initiativ, sind unterschiedlich erfolgreich. Und die Ergebnisse der Verwertungsbemühungen sind höchst unterschiedlich. Die einen machen eine Broschüre über die Nazizeit (z.B. Friedrichsdorf), laden Überlebende ein und gestalten Wiedersehen (auch: Friedrichsdorf, aber auch andere), zahlen Gelder in den Stiftungsfonds, forschen nach privaten Schicksalen, geben Geld für ihre ehemaligen Zwangsarbeiter. Es gibt auch Städte und Firmen, die sagen “Wir geben nix” und “Wir helfen auch nicht beim Auffinden der Überlebenden”: z.B. Eschborn, die unvergleichlich reiche Stadt an den Hängen des Taunus.
In der Regel haben die Städte zumindest keine Probleme, die vorgefundenen Daten öffentlich zu machen, um so die Suche nach Überlebenden anzuregen und nach Kräften zu fördern. Mal sind es die Städte selbst, die das tun, mal geben sie amtlichen oder ehrenamtlichen Heimatforschern die Gelegenheit, fündig zu werden. In Eschborn dagegen hat man den Datenschutz entdeckt, die Moral-Keule für alle Veröffentlichungsunwilligen. Die Hobbyhistoriker der Historischen Gesellschaft Eschborn e.V. hatten beschlossen, bei der Suche nach Eschborner überlebenden ehemaligen Zwangsarbeitern behilflich zu sein - und hatten dazu bei der Stadt um die Daten gebeten. Ergebnis: eine saubere Absage. Der sogenannte Datenschutz wurde fein-juristisch bemüht, um die Interessen der Opfer zu wahren... (das soll wohl der Sinn der Datenschutzgesetze sein). Gewiß, wer sich als Opfer direkt an die Stadt Eschborn wendet, bekommt unverzügliche Hilfe durch den Archivar, Gerhard Raiß. Und fragen Behörden oder Institutionen gezielt nach, gilt das Gleiche. Aber sonst? “Mir gebbe nix.” Vor allem keine Informationen preis, denen dann ja wohl auch zu entnehmen wäre, in welchem Betrieb oder bei welchem Bauer die Zwangsarbeiter geschafft haben. Ja, die Erinnerung an die Damaligen (Arbeitgeber!) ist wohl schutzwürdig? Die “Historische” versteht es nicht.


Die FRANKFURTER RUNDSCHAU hat in einer Vielzahl von Artikeln über das Thema Zwangsarbeiter berichtet; diese Berichte, so weit sie mir vorlagen, habe ich übernommen, damit sie nicht in Vergessenheit geraten - und das Thema auch nicht.
Gleichzeitig habe ich die Gelegenheit genutzt, an das Schicksal von Frauen der KPD Wiesbaden zu erinnern, die den Leidensweg durch die Nazi-KZ erdulden mußten, teilweise bis zum bitteren Ende. Ein anderer Artikel berichtet über Frauen der Wiesbadener Sozialistischen Arbeiterjugend SAJ Wiesbaden, die gleichfalls keine Kollaborateure der Nazis waren.

Daß die wahren Täter immer wieder durch die Rechtsordnung der BRD geschützt werden, ist bekannt: so wurden nur wenige der wirklichen Täter verurteilt, bestraft; die Privilegien blieben erhalten. Die Karteien über die Mitglieder der Nazipartei und die sonstigen verbrecherischen Organisationen sind bis heute unter Verschluß (nachdem jahrzehntelang die gerechten USA für die “Sicherheit” sprich Vertraulichkeit dieser Dateien gesorgt hatten). An der Basis gibt es immer wieder Menschen, die mutig die Vergangenheit erforschen wollen, die Zusammenhänge transparent machen, Opfern und Tätern ihren Namen wiedergeben. So geschehen in Langenselbold. Im Auftrage des Landkreises sollte die Historikerin Christine Wittrock eine historische Forschungsarbeit erstellen. Sie tat es. Darin kam der Nazi-Wehrwirtschaftsfüher Kaus vor. Dessen Sohn (!) verlangte Nicht-Erwähnung in der Arbeit und drohte, sollte man nicht parieren, mit Klage. Landrat Eyerkaufer SPD kniff die Arschbacken zusammen und auch sonst. Die Veröffentlichung der Arbeit der Christine Wittrock durch den Kreis unterblieb - aus “Sorge” um juristische Verfolgung durch den Sohn des Nazi-Mannes, der selbst seit ein paar Jahrzehnten tot ist. Die Klage, ein kleiner mutiger Verlag war gefunden worden, erfolgte gegen C. Wittrock  - diese Klage wurde jetzt durch das OLG Frankfurt abgelehnt. Mannesmut vor Königsthronen? Mein Gott, was heißt denn das?


Eine ganz andere Qualität haben dagegen die Berichte über die damaligen Nazi-Landräte des Main-Taunus-Kreises, deren Abbilder bis vor kurzem im Kreishaus hingen - warum auch nicht? möchte man da voller Sarkasmus fragen. Erstaunen erregt bei mir, daß die zweifellos sehr engagierte Autorin dieser Berichte den Schneid (??) hat, von der “Verstrickung” dieser Nazibonzen, die eben leibhaftige Täter waren, zu fabulieren. Wenn Nazi-Hoheitsträger nur “verstrickt” waren, dann muß man sich über nichts mehr wundern. Doch, über eines: warum die gewöhnlichen deutschen Menschen, die Krauses (nicht die Krupps!), dann die wirklichen Schuldigen abgeben sollen...

“Täter und Opfer” ist ein Bericht der FR, der gleichfalls, wenn auch auf ganz andere Weise, sich mit der Nazizeit befaßt: mit dem Andenken an die (jüdischen) Opfer und die heute toten ehemaligen Soldaten in Flörsheim. Diese toten Soldaten werden von der CJZ wie von der FR-Autorin pauschal als “Täter” bezeichnet, die sich fragen lassen müssen, was sie wohl damals “in Rußland gesucht” hätten. Gestellungsbefehl? Naziterror? Volksschädlinge? Kurzer Weg zu Gestapo und KZ, unters Fallbeil oder in die “Bewährungskompanie”? Hat wohl noch nie jemand davon gehört. Muß da erst wieder “die Forschung” bemüht werden? Oder will das keiner wissen? Keiner von den heute Lebenden, die offenkundig nicht viel über den - für seine Gegner - tödlichen Naziterror wissen. Fühlen sich die Heutigen eigentlich wohl, wenn sie die Generation ihrer Eltern rückhaltlos verurteilen... und in den politischen und moralischen Schmutz ziehen? Und die wirklichen Täter, die wirklichen Nutznießer damit in Schutz nehmen?!

“Ich gehe davon aus, daß es eine Moral nicht gibt.”
Opfer-Sohn Alfred Jachmann

Das bringt es auf den Punkt!
19.4.2001

Mich bewegt nicht nur das Thema “Nazizeit und heute” - mich bewegt jetzt vor allem, was tun die Nachgeborenen für die Wiedergutmachung, was tut speziell Eschborn, meine Heimatstadt, um den Opfern in ihrer Stadt Gerechtigkeit widerfahren zu lassen?  Weiß man in Eschborn überhaupt, was das heißt? In Eschborn wird gemauert, wenn es darum geht, den Überlebenden zu ihrem Recht zu verhelfen - die Bemühungen der Historischen Gesellschaft Eschborn e.V., die ehemaligen Zwangsarbeiter gezielt  - durch aktives Suchen - ausfindig zu machen, um etwas für sie tun zu können, werden rigoros abgeblockt. Der aus der Sicht der Stadt Eschborn, also der herrschenden bürgerlichen Parlamentsmehrheit, rechtlich (!!) zwingende Grund: “Datenschutz”! Um aufzuzeigen, wie unsinnig diese Begründung ist, habe ich anhand der diversen Artikel der FR aufgezeigt, wer wo in welcher Form tätig geworden ist: es geht. In vielen Städten. Nur nicht in Eschborn? Mir fehlt das kleinste Verständnis.
13.5.2001